Kommunisten, oder Sympathisanten des Kommunismus, gibt es erstaunlich viele. Es ist seit ’68 im linksintellektuellen Milieu durchaus schick, sich dem Kommunismus nahestehend zu fühlen. Aber auch ansonsten unpolitische Bürger scheinen dem Kommunismus ungewöhnlich stark angetan zu sein – zumindest dessen Theorie, denn gegen Kritik und einen tieferen Einstieg in die Diskussion wird gleich zu Beginn des Gesprächs, gleichsam als Nebensatz der Sympathiebekundung, konstatiert, dass der Kommunismus zwar die beste und gerechteste mögliche Gesellschaftsform, der Mensch aber zu fehlerbehaftet sei, um den Kommunismus erfolgreich umsetzen zu können. Kurz: Es liege am schlechten Mensch, dass der perfekte Kommunismus nicht funktioniere. Für den Menschen sei dagegen eine so ungerechte Gesellschaftsform wie der Kapitalismus viel angemessener. Diese oder eine ähnliche Immunisierung wird man von geschätzten 50 % der Bevölkerung zu hören bekommen, wenn man den Kommunismus anspricht.

Nun verwundert, dass sich so viele Menschen anscheinend intensiv mit kommunistischen Theorien auseinandergesetzt haben. Es bedarf durchaus einiger Anstrengung, Hegel und Marx, oder wenigstens einige gute Zusammenfassungen zu lesen, und ich wage zu bezweifeln, dass allzu viele Menschen ohne weitere philosophische Vorbildung verstehen, was ihnen dort mitgeteilt wird. Ich stelle also die gewagte These auf, dass die meisten Procommunistes einfach nur das nachplappern, was gerade hip und trendy ist. Die oben genannte Immunisierung (perfekter Kommunismus vs. fehlerbehafteter Mensch) sorgt dafür, dass man inhaltlich nicht weiter argumentieren muss. Ich bin mir ziemlich sicher, dass deutlich weniger Menschen dem perfekten Kommunismus nachweinen würden, wenn sie wüssten, worin er eigentlich besteht. Alle Gräueltaten, die im Namen des Kommunismus begangen wurden (und die bis heute weit über 100.000.000! Opfer gefordert haben), sind nicht durch ein lapidares “Der Mensch ist eben machtbesessen und brutal!” zu erklären. Nein, Brutalität und Grausamkeit sind ein elementarer Bestandteil des marxistischen Kommunismus! War es nicht Marx, der den ständigen Klassenkampf bishin zur klassenlosen Gesellschaft als universelles Prinzip propagierte? Und dieser Klassenkampf ist nicht als abstrakte, ahistorische oder metaphorische Idee gemeint, sondern als ein blutiges Schlachten um Leben und Tod.

Und hier kann man bereits ahnen, dass es interessante Parallelen gibt, vom angeblich so gerechten Kommunismus zu anderen totalitären Systemen. Armin Pfahl-Traughber stellt in seinem großartigen Aufsatz “Gemeinsamkeiten im Denke der Feinde einer offenen Gesellschaft. Strukturmerkmale extremistischer Ideologien.” (Aufklärung und Kritik 4/2010) in bester Tradition Poppers eine Auflistung verschiedener Strukturmerkmale zusammen, die Kommunismus, Rechtsradikalismus und religiösem Fundamentalismus gemein sind, als da wären:

  • Exklusiver Erkenntnisanspruch: Die Lehren des Systems enthalten die einzige Wahrheit.
  • Dogmatischer Absolutheitsanspruch: Die Grundprinzipien des Systems können nicht angezweifelt werden.
  • Essentialistisches Deutungsmonopol: Nur mithilfe des Systems lässt sich die Wahrheit komplett erkennen.
  • Holisitsche Steuerungsabsichten: Weil das System die Wahrheit gänzlich erkannt hat, muss es die komplette Kontrolle über die Gesellschaft besitzen.
  • Deterministisches Geschichtsbild: Die geschichtliche Entwicklung hat einen Sinn und ein Ziel und lässt sich durch die Lehren des Systems voraussagen und günstig beeinflussen.
  • Identitäre Gesellschaftskonzeption: Der Wert des Individuums steht unter dem Wert des Kollektivs.
  • Dualistischer Rigorismus: Die Anhänger des Systems sind gut, alle anderen sind böse.
  • Fundamentale Verwerfung: Die bestehende Ordnung muss kompromisslos und komplett ausgelöscht und durch das System ersetzt werden.
  • Ich sehe und verstehe in keiner Weise, wie eine Ideologie, das diese Punkte erfüllt, von jemandem mit klarem Verstand, als das “gerechteste und beste politische System” bezeichnet werden kann. Die einzige Erklärung dafür bestätigt meine These: Es wird einfach hohl nachgeplappert, was andere (vermutlich ebenso hohl) vorausplappern. Und weil man als intellektueller Linker nicht den tumben Nazis hinterherlaufen kann, nimmt man eben den Kommunismus her – dasselbe Gespenst, nur in einem anderen Kleid.

    Von einem entrüsteten Leser meines Blogs wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass mein Schreibstil selbstgefällig, überheblich und “von oben herab” sei. Ich möchte dazu gern Stellung nehmen. Nicht, weil ich meinerseits empört und entrüstet wäre (das ist in Deutschland sowieso schon so alltäglich, dass es gar nicht mehr auffällt), und auch nicht, weil ich mich missverstanden fühle (abgesehen von einem inhaltlichen Unverständnis besagten Kritikers, aber das ist sein Problem, nicht meins), sondern weil ich seine scharfe Beobachtung bestätigen und bekräftigen möchte!

    Ja, ich schreibe selbstgefällig! Ja, ich schreibe überheblich! Und: Ja, ich schreibe “von oben herab”! Aber nicht etwa, weil ich mich für einen allwissenden Propheten halte, der nichts als die Wahrheit verkündet – im Gegenteil. Ich möchte auf Empörung, Entrüstung und Abneigung stoßen. Unsere Konsensgesellschaft ist geradezu ekelhaft. Bei allem, was heute öffentlich gesagt wird, muss penibel darauf geachtet werden, dass es niemanden verletzt, dass es zu möglichst vielen Meinungen kompatibel ist, und dass es ja nicht gegen die Mehrheitsmeinung verstößt. Herausstechende Menschen sind unerwünscht, das zeigt sich auch in der Leistungsgeringschätzung unserer Zeit und Gesellschaft.

    Mit meinen Texten will ich nicht kompatibel sein, ich will nicht, dass sich möglichst viele Menschen darin wiederfinden, ich will kein weiteres Zahnrädchen im Kollektiv sein. Wenn meine Meinung zufällig mit dem Mainstream übereinstimmt, dann ist das eben so – krampfhafte Ablehnung ist fast schon ein verzweifelter Abhängigkeitsbeweis von demjenigen, was man zu bekämpfen vorgibt (man stelle sich nur pöbelnde Punks ohne angepöbelte Spießer vor – undenkbar!). Wenn sie aber nicht übereinstimmt, und das ist weitaus häufiger der Fall, dann polemisiere ich mit dem größten Vergnügen, schreibe selbstgefällig vom willen- und ahnungslosen Mob, in der Hoffnung, dass gerade der dadurch vielleicht einen Willen entwickelt. Und sei es nur ein Wille zum Widerspruch. Zudem bin ich – im Gegensatz zum empörten Kollektiv – der Meinung, dass man mit bestem Gewissen stolz sein sollte auf das, was man kann, weiß und ist. Auch das lebe ich in und mit meinen Texten. Im Gegenzug habe ich die Fähigkeit, jemanden für seine besonderen Fähigkeiten zu bewundern und nicht zu beneiden, wie ich es bei so vielen Menschen beobachte.

    Gut und Böse

    March 23rd, 2013

    Filme, Computerspiele, Bücher – die gesamte Unterhaltungsindustrie drückt den kollektiven Wunsch der Rezipienten nach einer klaren Unterscheidung von Gut und Böse aus. Einleuchtend allemal, reduzierte es doch die Komplexität der Welt beträchtlich, gäbe es eindeutige moralische Kategorien, an denen man Denken und Handeln bewerten könnte. Jahrhundertelang existierten solche Bewertungssysteme, die zwar nicht universell gültig waren, aber den unaufgeklärten Menschen zumindest universell vorkamen: Im Stammesverband waren es vielleicht die undefinierten “anderen”, die nicht zur eigenen Gruppe gehörten, später waren es dann die “Ungläubigen”, irgendwann die “feindlichen Nationen”, die “Untermenschen”, die “minderwertigen Rassen”, nicht zuletzt und erstaunlich konstant: Die Juden. Sie alle verkörperten für bestimmte Gruppen das Böse. Und wie erwähnt, erleichterte diese harte Trennung von Gut und Böse das Leben immens: Entscheidungen und Handlungen jeder Art konnten damit gerechtfertigt werden, dass sie doch dem Bekämpfen des Bösen dienten und so dem Guten zugute kämen. Selbst die industrielle Vernichtung von 6.000.000 Juden rechtfertigten die Nazis mit der Aussage, spätere Generationen würden den eigentlichen Wert dieser Handlungen verstehen: Die Ausrottung des Bösen in Form der Juden.

    Heute sind wir natürlich weiter. Die ernsthafte Nutzung der Worte “Gut” und “Böse” ist hierzulande kaum mehr möglich, und spricht ein George W. Bush von der “Achse des Bösen”, so wird in Europa direkt an seiner Zurechnungsfähigkeit gezweifelt. Die Begründung für die Aufgabe des Dualismus von Gut und Böse ist simpel und sollte bekannt sein: Jeder Mensch hat individuelle (und nicht zuletzt kulturelle) Gründe dafür, so zu handeln wie er handelt, deshalb bewertet jeder Mensch seine eigenen Intentionen und Handlungen, und jene anderer Menschen, die seine Intentionen und Handlungen unterstützen, als “gut”. Intentionen und Handlungen, die seinen zuwiderlaufen, sind für ihn dagegen “böse”. Daher dürfe man den Kannibalen nicht verurteilen, wenn er den Touristen verspeist, den “gemäßigten Islamisten” nicht, wenn er ein Vergewaltigungsopfer steinigt, den durchschnittlichen Ugander nicht, wenn er die Todesstrafe für Homosexuelle unterstützt, den abergläubischen Nigerianer nicht, wenn er eine vermeintliche Hexe ermordet, und auch den Ostafrikaner nicht, wenn er einen Albino massakriert, dessen angeblich magische Extremitäten auf dem Schwarzmarkt enorme Summen einbringen. Die einzige kritikwürdige Gesellschaft scheint “der Westen” zu sein: Er sei doppelzüngig, “eurozentristisch”, anmaßend und im Grunde doch irgendwie für das gesamte Elend auf der Welt verantwortlich. Und am allerschlimmsten sei die “selbsternannte Weltpolizei” USA! Diese Ansicht scheint heute weitgehend Konsens zu sein, zumindest im eher linksgerichteten Bildungsbürgertum.

    Symptomatisch für ein solches Weltbild ist die konsequente Ablehnung der Realität. Es wird so lange theoretisiert und die Wirklichkeit zurechtgebogen, bis die eigene Ansicht endlich vertretbar ist und logisch erscheint. Kritische Anmerkungen werden daher im Regelfall auch nicht inhaltlich diskutiert, sondern mit Empörung (“Wie kannst Du nur.. !”, “Jeder weiß doch, dass.. !”) abgeschmettert. Dieselbe Reaktion kann man provozieren, indem man den Irrsinn auf den Punkt bringt und nachfragt, ob denn tatsächlich ein Mord durch Subjektivismus gerechtfertigt werden kann. Weniger helle Köpfe werden das Gespräch entrüstet abbrechen, Schlauere werden relativieren und um den heißen Brei herumreden. Das Ergebnis ist dasselbe: Beide wollen sich der Wirklichkeit nicht stellen.

    Nun, welche Alternativen kann es aber geben? Zunächst muss festgestellt werden, dass dieser Kulturrelativismus durchaus einen wahren Kern besitzt: Es ist völlig korrekt, dass jeder Mensch für seine Taten einen Grund hat, und dass ihm zum Zeitpunkt der Handlung diese als bestmögliche erschien. Das ist aber eine reine, deskriptive (also nichtwertende) Feststellung. Die Kulturrelativisten begreifen sie aber normativ, das heißt, weil diese Struktur menschlichen Handelns existiert, muss sie gut sein – ein klassischer naturalistischer Fehlschluss, dessen Grundzüge bereits vor rund 250 Jahren vom großen David Hume enttarnt worden sind. Wenn man nun aber in eine andere Richtung weiterdenkt und hinterfragt, weshalb der Mensch so handelt, wie er handelt, so erreicht man alsbald die Erkenntnis, dass jedes menschliche Handeln der Leidvermeidung, oder positiv: der Lustmaximierung, dient. Hier existiert also eine Konstante, die für alle Menschen – gar für alle Lebewesen – gleichermaßen gilt. Daraus ein ethisches Modell abzuleiten, liegt tausendmal näher, als das völlig unsinnige kulturrelativistische Konstrukt. Wie sieht dieses Modell nun aus? Zusammengefasst besagt es, dass gut ist, was Leid vermeidet und Lust bringt, und dass böse ist, was Leid bringt und Lust vermeidet – sei es bei sich selbst, oder bei einem anderen Menschen. Und ja, dieses Modell rechtfertigt sogar militärische Interventionen, denn wenn durch die Tötung von 1.000 Menschen das Leben von 10.000 Menschen gerettet werden kann, liegt eine moralische Rechtfertigung nach diesem Modell vor. Leider, und das muss einschränkend gesagt werden, weiß man im Voraus nicht, wie viele Opfer ein Krieg tatsächlich fordern wird und wie viele Leben er tatsächlich rettet. Somit wird die Nützlichkeit von militärischen Interventionen stark relativiert, ist aber grundsätzlich durchaus gegeben. Ebenso gegeben und völlig gerechtfertigt ist die Bezeichnung von Terroristen als “böse”, da ihre einzige Auswirkung ist, Leid zu verursachen.

    Anmerkung:
    Es scheint ein gewisses Unverständnis der Begriffe “Leid” und “Lust” zu geben, daher eine kurze Erläuterung, wie sie hier zu verstehen sind: “Leid” meint nicht unbedingt den physischen Schmerz – manche Menschen sind dazu in der Lage, durch Schmerz (sexuelle) Lust zu empfinden. Es meint vielmehr das schlechte Gefühl, die Furcht, die Hoffnungslosigkeit, die Verzweiflung, die Depression, in den meisten Fällen auch den Schmerz, und so weiter. “Leid” ist ein abstrakter, nichtkörperlicher Begriff, der all das umfasst, was sich negativ auf das individuelle, unmittelbare Befinden auswirkt. Als solcher ist er der Gegenbegriff zur ebenso abstrakten “Lust”, die sich nicht auf die sexuelle Lust beschränkt, sondern all das bezeichnet, was sich positiv auf das individuelle, unmittelbare Befinden auswirkt. Gemeint sind also auch ganz profane Aktivitäten, wie etwa das Stillen von Durst.
    Jedes Lebewesen strebt nach Lust und vermeidet Leid. Es handelt sich hierbei um eine evolutionäre Funktion, die dazu dient, den Reproduktionserfolg zu maximieren. Ein Lebewesen ohne diese elementare Funktion würde etwa seinen Durst nicht stillen, es würde nicht um sein Leben rennen, wenn ein Angriff von einem Räuber droht, es würde sich nicht fortpflanzen – es wäre ganz und gar antriebslos. Ein solches Lebewesen wäre geradezu paradox und vielleicht überhaupt kein “Lebewesen” im eigentlichen Sinne.

    Qui Bono?

    March 13th, 2013

    Dass Medien nicht immer die Wahrheit verbreiten, ist mittlerweile ein Allgemeinplatz. Dennoch oder gerade deswegen fühlen sich meist eher einfachere Gemüter dazu berufen, das Weltbild ihrer Mitmenschen mit dieser Erkenntnis in ihren Grundfesten zu erschüttern. Mit triumphierender Mine und bedeutungsschwangerer Stimme wird dann den Unwissenden erklärt, wie wenig man sich auf die Medien verlassen dürfe, dass man alles hinterfragen müsse und dass ohnehin immer gelte: “Qui bono?”

    Nun ist das sicherlich nicht grundfalsch, und kritisches Denken ist immer gut, aber was bei derlei überheblichen Wichtigtuerei mitschwingt, hat mit Kritik und Denken nicht viel zu tun. Kritisch gedacht wäre, wenn jede Information bestmöglich auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft würde. Dieses Vorgehen benötigt allerdings eine kritische Distanz und Unvoreingenommenheit – zwei Eigenschaften, die unseren Quibonisten völlig unbekannt sind. Denn die haben gelernt, dass man mithilfe einer Abkürzung viel schneller zum Ziel kommt, dabei weniger Nachdenken und weniger Kompromisse eingehen muss! Diese Abkürzung besteht in der Umkehrung jeglicher Information (solange sie zum eigenen, kleinen Weltbild passt): In den Nachrichten wird kritisch über das Assad-Regime berichtet – das Assad-Regime muss das eigentliche Opfer sein! Eine Reportage behauptet, der Iran sei eine gefährliche Diktatur – die wahren Diktatoren müssen im Westen stecken!

    Weiterhin interessant ist die Selektivität des Quibonismus! Gewisse Themen werden nämlich bevorzugt “kritisiert”, während andere völlig unkritisch für bare Münze genommen werden. Wird mal wieder die USA oder Israel durchs Dorf getrieben, fühlt sich der Quibonist auf einmal brüderlich mit den Massenmedien verbunden und schätzt sie für ihre Unabhängigkeit und für den Mut, “auch mal” die “eigentlichen Drahtzieher” des Weltgeschehens zu “kritisieren”. Kommt dann aber die Sprache auf die Feindesfeinde, so kann man sich einer erleuchtenden, differenzierten und fairen Einschätzung der jeweiligen Informationen sicher sein. Denn dann heißt es wieder, in Internetforen, beim Stammtisch und zum Mittag: “Qui Bono?”

    Eigenlob..

    March 5th, 2013

    ..stinkt, aber einmal im Monat erlaube ich es mir. Ich predige seit Jahren, dass sich in China mit der Zeit die (bisweilen desolate) Situation der Arbeiter zum Besseren wenden wird, und zwar ohne dauernde Kritik (vor allem von bis zur Zimmerwand denkenden Weltverbesserern) an der schrecklichen und unmenschlichen freien Marktwirtschaft, die in China trotz angeblich sozialistischem System vorherrscht. Meine Argumentation dabei ist, dass mit wachsendem Wohlstand der Unternehmen (und damit des Staates) auch Lohn und Arbeitsbedingungen (und mithin Lebensbedingungen) der Arbeiter zunehmend verbessern. Beispiele dafür sieht man in der ganzen westlichen Welt. Das Zeitalter der Industrialisierung wird heute als die Epoche der Entmenschlichung begriffen, die Unheil über die Welt brachte. Tatsächlich war es eine schlimme Zeit – ähnlich der Situation in China vor einigen Jahren – aber sie brachte in viel größerem Maße Gutes, denn durch die Aufopferung der Arbeiter konnte die Basis für den Wohlstand und Lebensstandard geschaffen werden, die Millionen von Menschen in Deutschland und der gesamten Westlichen Welt heute genießen. Dabei geholfen haben sicherlich nicht zuletzt auch Forderungen der Arbeiter, aber bestimmt nicht überhebliche Statements wichtigtuerischer Moralapostel aus dem kulturell völlig verschiedenen Ausland (wie heute die Kritik der Arbeitsverhältnisse aus Deutschland an China). Daher, so mein Gedanke, hilft es dem chinesischen Arbeiter nicht, wenn man chinesische Produkte aus blinder Menschenliebe boykottiert. Im Gegenteil: Durch dieses Verhalten steigt die Gefahr, dass die ohnehin schon marginalen Löhne weiter gekürzt werden oder zahlreiche Arbeitsplätze gestrichen werden. Ein Effekt, der die Ärmsten am stärksten trifft.

    In China ist derweil die Mittelschicht so stark am Wachsen, dass das Straßennetz in den Großstädten völlig überfordert ist, da so viele Chinesen plötzlich die Mittel haben, sich den Luxus eines eigenen Autos zu gönnen. Und nun verspricht auch die chinesische Regierung, dass “Sozialprogramme […] künftig Priorität erhalten, wirtschaftliche Entwicklungsvorhaben dafür zurück genommen” werden. Natürlich stößt eine Einmischung der Regierung in Privatangelegenheiten jedem Liberalen sauer auf, aber wenn hinter dieser Aussage die Einführung eines menschenrechtlichen Mindeststandards steht, ist sie nur zu begrüßen.

    Die Moralapostel sehen das natürlich nicht ein, sprechen von einer Bändigung der Bestie Marktwirtschaft (o.ä.) und sind zu blind, um zu erkennen, dass diese Entwicklung dieser “Bestie” überhaupt erst zu verdanken ist. Aber sie schreien weiter nach staatlicher Steuerung, Regelung und Regulierung, und die deutsche Demokratie – immer dem Willen des Volkes hinterher – rennt weiter mit verbundenen Augen in Richtung Abgrund.

    Zusammengefasst: Ich hatte Recht, die empörten Gutmenschen (ich mag das Wort eigentlich nicht, aber hier passt es so gut) natürlich und wieder einmal Unrecht.

    Vor einigen Monaten verfasste ich einen kurzen Artikel zur geplanten Obsoleszenz, also der bewussten Lebenszeitverkürzung von Produkten. Obwohl ich dem Thema persönlich kritisch gegenüberstehe, wählte ich einen vorsichtigen Pro-Standpunkt, um den Mob aus der Reserve zu locken. Und was soll ich sagen? Es hat funktioniert! Ich wurde gleich zwei Mal in den Weiten des Netzes verlinkt – einmal in einem verwaisten Forenthread, ohne weitere Reaktion, und einmal auf Facebook, in der vielsagenden Gruppe “Gegen geplante Obsoleszens”. Ein paar Ausschnitte:

    Der hat bestimmt VWL studiert…
    shitstorm him!
    hat mit Sicherheit auch kein besonders heller Kopf geschrieben (wenn man das aus rechtschreibsicht mal vermuten darf)
    ein sehr guter Link, zeigt er doch, wie die unreflektierte Masse denkt – massenmedial meinungsgesteuert
    Der Typ ist einer von “nach mir die Sintflut”. Es stimmt schon was er sagt. Aber er denkt halt nur bis zum Tellerrand. Oder wie man in Bayern sagt von 12.00 Uhr bis Mittag
    Ja. Pauschalaussagen eines massenmedial meinungsgesteuerten Ewig-Gestrigen.

    Fairerweise muss ich erwähnen: Es gab durchaus etliche sachbezogene Kommentare, die ich so nicht erwartet hätte und die mich hoffen lassen. Allerdings wurde auch mehrfach das Fehlen einer Kommentarfunktion in meinem Blog bemängelt – eventuell fehlte es einfach an Angriffsfläche. Im Endeffekt war die gesamte “Diskussion” eine einzige Selbstbestätigung der Autoren und ihrer gemeinsamen Sache, was mich zu einem Internet-weiten Problem bringt: Gerade diskussionswürdige und polarisierende Themen werden im Netz oft nur von einer Seite behandelt, da sich die Anhänger einer Meinung an einer anderen Stelle zusammenrotten als die Anhänger einer anderen Meinung. In den so gebildeten Communities werden abweichende Meinungen nicht akzeptiert, daraus ergibt sich dann diskursiver Stillstand, und die schier endlosen intellektuellen Möglichkeiten des Internets bleiben ungenutzt. Ironischerweise bezeichnen gerade die Vertreter des dort vorherrschenden Mainstreams den Vertreter einer anderen Meinung etwa als “massenmedial meinungsgesteuerten Ewig-Gestrigen”.

    DER UNTERSCHIED ZWISCHEN WISSENSCHAFTLICHER UND AKADEMISCHER ARBEITSWEISE

    Es gibt einen Unterschied zwischen wissenschaftlicher Arbeitsweise und akademischer Arbeitsweise, wenngleich die beiden Begriffe gerade von Vertretern der akademischen Zunft gern synonym verwendet werden. Dabei ist diese Gleichsetzung im Grunde ein Produkt akademischer Hybris, denn die jeweiligen Definitionen beider Begriffe sind auf völlig anderen Ebenen angesiedelt. Beiläufig eine Definition von wissenschaftlicher und akademischer Arbeitsweise zu formulieren wäre dagegen ein Produkt meiner höchsteigenen Hybris, dennoch möchte ich versuchen, genannten Unterschied in Ansätzen herauszustellen.

    Der grundlegende Unterschied, wie bereits angedeutet, sind die verschiedenen Ebenen, auf denen sich beide Begriffe bewegen: Die Akademische Arbeitsweise basiert auf der wissenschaftlichen Arbeitsweise, das heißt erstere kann ohne letztere nicht existieren, letztere ohne erstere dagegen schon. Um zu begreifen, wie die akademische Arbeitsweise aussieht, müssen wir also zunächst die allgemeinere wissenschaftliche Arbeitsweise verstehen. Die Definition von Wissenschaft ist indes so komplex, dass sich ein eigener Teilbereich in der Philosophie zu diesem Thema gebildet hat – die Wissenschaftsphilosophie.
    Ich möchte mich im Folgenden auf Karl Popper beziehen, dessen Wissenschaftstheorie zumindest in ihren Grundzügen heute immer noch mehr oder weniger anerkannt ist. Die Essenz dieser Theorie ist nachfolgende Aussage: Ein Satz ist dann wissenschaftlich, wenn er falsifizierbar ist. Etwas verständlicher ausgedrückt bedeutet dies, dass jede Aussage nachprüfbar sein muss, wenn grundsätzliche wissenschaftliche Kriterien erfüllt sein sollen. Ein paar Beispiele: Die These, dass Benzin unter bestimmten, exakt definierten Bedingungen entflammt, ist nachprüfbar, somit ist diese These wissenschaftlich – unabhängig davon, ob sie tatsächlich stimmt! Die These, dass Benzin sich unter der Einwirkung Gottes zu Gold verwandelt, ist dagegen nicht nachprüfbar (wie sollte man Gott auch zur Mitarbeit überreden?) und somit nicht wissenschaftlich.
    Hätte es Popper allerdings bei dieser Minimaldefinition belassen, wäre er schon bald des Positivismus bezichtigt worden (er wurde es aufgrund der Unkenntnis seiner Theorie dennoch, aber das soll hier nicht das Thema sein). Radikale Positivisten (zu denen Popper nicht gehört) verneinen die Existenz von nicht-wahrnehmbaren (nicht-positiven) Dingen. Die Wirklichkeit zeigt allerdings, dass wissenschaftliche Erkenntnis oftmals aus reiner Spekulation heraus entsteht – die Atomtheorie etwa wurde formuliert, bevor die Möglichkeit bestand, zu überprüfen, ob Atome tatsächlich existieren. Wie steht nun Popper dazu? Er erkennt die Wichtigkeit von Spekulation an, nimmt sie allerdings aus der Wissenschaft heraus. Er nennt die Spekulation Metaphysik, wobei man zwischen plausibler und nicht-plausibler Metaphysik unterscheiden muss (Popper nutzte diese Bezeichnungen nicht, aber sie drücken sehr gut aus, was er meinte). Ein Beispiel für nicht-plausible Metaphysik wäre der christliche Glaube – es ist höchst unwahrscheinlich, dass die christliche Lehre irgendwann wissenschaftlich verifiziert wird, denn weder ist sie in sich logisch, noch gibt es irgendwelche Hinweise, die dafür sprechen. Plausible Metaphysik ist dagegen etwa die bereits genannte Formulierung der Atomtheorie gewesen: Sie war vielleicht nicht gänzlich korrekt, aber sie war plausibel, logisch aufgebaut und viele der Vermutungen trafen, wie man heute weiß, tatsächlich zu (natürlich gab es nicht nur eine Atomtheorie, der Verständlichkeit halber wird aber hier im Singular gesprochen). Diese plausible Metaphysik kann äußerst hilfreich sein für die Wissenschaft, da sie weniger eingeschränkt ist – auch Popper sah das so. Die nicht-plausible Metaphysik dagegen hat mit Wissenschaft nichts zu tun und muss als solche entlarvt und dorthin verwiesen werden, wo sie hingehört und keinen Schaden anrichten kann: In das Reich der Märchen und Geschichten. Daher gehört zu einer weiten Definition von Wissenschaft auch die plausible Metaphysik (Popper bevorzugte eine enge Definition, was aber an seinen Ansichten nichts ändert).
    Für unsere Minimaldefinition von Wissenschaft sollte noch ein dritter Punkt angesprochen werden: Die Wahrheitsfrage. Nach Popper gibt es eine absolute Wahrheit, also eine völlig objektive Wirklichkeit – der Mensch kann sie aber nie finden, oder besser: Selbst wenn er sie findet, wird er nie sicher sein, ob es sich tatsächlich um die Wahrheit handelt. Mit der Falsifikationsmethode, also mit der beharrlichen Überprüfung aufgestellter Thesen und Theorien und mit dem konsequenten Verwerfen falscher Thesen und Theorien, kann der Mensch sich aber an die Wahrheit immer weiter annähern. Die plausible Metaphysik kann dabei ein wichtiger Impulsgeber sein.
    Es lassen sich also drei Punkte nennen, die eine Minimaldefinition von Wissenschaft ergeben:
    (1) Falsifizierung ist die Basis wissenschaftlichen Arbeitens.
    (2) Plausible Metaphysik kann der Wissenschaft wertvolle Impulse geben.
    (3) Eine absolute Wahrheit existiert, man kann sich ihr aber nur durch die Falsifikationsmethode annähern.
    Unvollständig, dafür in einem Satz: Konkrete Aussagen müssen falsifizierbar, Vermutungen müssen plausibel sein.

    Kommen wir nun zur akademischen Arbeitsweise. Diese basiert, wie gesagt, auf der Wissenschaft und befolgt somit die drei Punkte, die wir als deren Minimaldefinition herausgearbeitet haben. Darüber hinaus hat sich aber ein riesiges Sammelsurium an Regeln angehäuft, die befolgt werden müssen, möchte man am akademischen (und im Selbstverständnis der Akademiker eben auch am wissenschaftlichen) Diskurs teilnehmen. Viele Regeln können von Fach zu Fach verschieden sein, einige Grundregeln sind jedoch immer gleich, insbesondere die folgende: Unabhängiges Denken und Arbeiten ist verboten. Möchte man sich akademisch mit einem Thema befassen, so müssen zumindest die Standardwerke gelesen werden. Verfasst man dann einen Text, so müssen die bereits vorhandenen Theorien genannt und auf diese muss aufgebaut werden – das geschieht durch mühsame und minutiöse Zitierung. Im Laufe der Zeit führte diese Regel dazu, dass die Themen und Arbeiten dazu immer spezieller und kleiner wurden, da große, grundlegende Themen bereits abgehandelt waren und man sich auf diese beziehen musste. Das hat natürlich seinen Sinn – das Rad wird nicht mit jedem Text neu erfunden. Innerhalb des akademischen Diskurses ist dieses Regelwerk ein mächtiges Werkzeug, um kontinuierlichen Fortschritt zu ermöglichen. Die plausible Metaphysik indes wurde fast komplett ausgeschlossen. Dies wäre wenig schlimm, würden die Akademiker nicht die gesamte Wissenschaft für sich vereinnahmen, denn durch diesen Anspruch, durch die implizite Behauptung, Wissenschaft sei Akademie, und Akademie sei Wissenschaft, wird die plausible Metaphysik nicht nur von der Akademie, sondern auch von der Wissenschaft ausgeschlossen – die Folgen sind offensichtlich: Die wertvollen Innovationen der plausiblen Metaphysik existieren nicht mehr.
    Was wissenschaftliche Standards angeht, so sind diese verschieden von den akademischen: Konkrete Aussagen müssen falsifizierbar, Vermutungen müssen plausibel sein. Diese Standards nehmen eine viel wichtigere Unterscheidung vor, als die akademischen Standards hinsichtlich der Wissenschaft – sie trennen Wissenschaft von nicht-plausibler Metaphysik; von Esoterik und Religion, von Wunderheilern und Astrologen, von Fantasy und Science Fiction, von Täuschern und Betrügern und so weiter. Da aber der akademische Diskurs geschlossen ist und außer über die kaum hilfreiche Populärwissenschaft kein Kontakt zwischen ihm und dem Laien besteht, sucht dieser die Wahrheit bei jenen dubiosen Institutionen und Gestalten, die der nicht-plausiblen Metaphysik huldigen. Kein aufrichtiger Intellektueller wird behaupten (im Gegensatz zu den nicht-plausiblen Metaphysikern), die Wahrheit gefunden zu haben. Und kein aufrichtiger Intellektueller wird behaupten, seine Theorien seien die einzig korrekten.

    EINLEITUNG

    In einer kleinen Reihe möchte ich den Unterschied zwischen wahrheitssuchendem und wahrheitsvortäuschendem Denken, also zwischen Wissenschaft und Esoterik, eruieren. Die Esoterik hat Hochkonjunktur in unseren Tagen. Und das ist trotz dem augenscheinlichen Gegensatz von moderner, höchst technisierter und verwissenschaftlichter Alltagswelt und unwissenschaftlicher Esoterik leicht zu erklären: Ebendiese verwissenschaftlichte Alltagswelt ist enorm komplex. Alles ist ins letzte Detail erklärbar, aber alles ist auch anzweifelbar, und man muss im Internet nicht lange suchen, um jedes sicher geglaubte Wissen in Frage gestellt zu bekommen.

    Nun sorgt zunächst die hohe Komplexität dafür, dass viele Menschen viele Dinge einfach nicht verstehen, weil ihnen die Zeit oder das nötige Vorwissen fehlt, sich mit jenen Dingen näher auseinanderzusetzen. Dennoch ist der Mensch naturgemäß ein neugieriges Wesen, und so sucht er nach Erklärungen für alle Phänomene – auch für die, die er nicht versteht. Nun kommt der zweite Faktor ins Spiel: Die Relativität des sicher geglaubten Wissens. Wissen ist relativ – Theorien von heute können morgen schon überholt sein, und das ist allgemein bekannt. Das Internet bietet nun jenen Personen ein Plattform, die sich die Komplexität der Welt und die Relativität des Wissens zunutze machen: Sie bieten simple Lösungen für komplexe Probleme. Und der Mensch, der eben nicht nur neugierig, sondern auch faul (evolutionsbiologisch würde man wohl eher “nutzenmaximierend” sagen) ist, wird von solchen angeblichen Lösungen wie magisch angezogen, und so bahnt sich die moderne Esoterik ihren Weg in der Gesellschaft. Das so erlangte “Insider-Wissen” (es weicht ja schließlich ab vom “Mainstream-Wissen”) bietet zudem noch einen kleinen Ego-Schub: Man bezeichnet sich als “Freidenker”, “kritischer Geist”, “Skeptiker” oder “Aufklärer” und kontradiktiert damit die eigentliche Bedeutung dieser schönen Begriffe.

    Allerdings ist es gar nicht einfach, Wissenschaft von Esoterik zu unterscheiden. Denn die Akademie, also die institutionalisierte Wissenschaft (wie sie an Universitäten oder anderen Einrichtungen betrieben wird), kann bisweilen durchaus esoterische Züge annehmen. Dagegen kann auch eine Einzelperson, die eine Universität noch nie von innen gesehen hat, ebenso wissenschaftlich denken, wie ein Harvard-Professor. Im folgenden Part soll also die folgende Frage behandelt werden: Was ist wissenschaftliches Denken, und wie unterscheidet es sich vom akademischen Arbeiten? Das kurze Essay stammt in weiten Teilen aus meinem in Arbeit befindlichen Buch . In weiteren Teilen soll dann näher auf das Wesen der Esoterik eingegangen werden, sowie auf deren Autoren, Medien und Rezipienten. Außerdem soll in aller Kürze die Sonderstellung der Populärwissenschaft und des Journalismus beleuchtet werden.

    Pressefreiheit in den USA, pt.1

    December 26th, 2012

    Zu Weihnachten kommt die Familie zusammen, das ist sehr schön. Weniger schön sind die politischen Diskussionen, die aus der Mischung von vielen Menschen, allgemeinem Mitteilungsbedürfnis, deutscher Unzufriedenheit und Alkohol erwachsen. Im Grunde sind es normalerweise nicht einmal “Diskussionen”, denn die Meinungen sind erstaunlich einhellig: Man ist sich darüber einig, dass alle Politiker Schweine sind, Amerika der Satan und der Kapitalismus das Verderben der Menschheit ist. Vermutungen werden plötzlich zu Fakten und seit Jahren oder Jahrhunderten widerlegte Verschwörungstheorien werden als Wahrheiten dargestellt. Dabei fühlt man sich ganz furchtbar revolutionär und politisch, scheint man sich doch gegen den unaufgeklärten, leichtgläubigen Mainstream zu stellen. Dass man in Wirklichkeit nur die ewig hohlen Phrasen des tatsächlichen Mainstreams wiedergibt, ist niemandem bewusst; dabei bedarf es hierzulande – frei nach Emma Finkelstein – um Amerika zu kritisieren etwa so viel Mut, wie beim Bäcker Brötchen zu holen.

    Um etwas konkreter zu werden: Ich hörte mir einiges kommentarlos an, denn ich habe meine Familie sehr gern und wollte die weihnachtliche Harmonie nicht stören. Zudem weiß ich mittlerweile aus Erfahrung, dass Widersprüche nur zu Wutausbrüchen der Gegenseite führen, denn an Argumentation ist niemand interessiert. Man glaubt, was man glaubt, und möchte sich nicht kritisch hinterfragen (man “hinterfragt” nur alles andere “kritisch”). Als nach ewigem Geschimpfe auf verantwortungslose Manager (die ich auch gern kritisiere, allerdings suche ich nach Lösungen, das ist natürlich nicht gern gesehen; echte Revolutionäre vernichten das herrschende System, sie beteiligen sich natürlich nicht konstruktiv daran) die Sprache dann aber auf die Pressefreiheit in den USA kam, musste ich doch Partei ergreifen. Genauer ging es um den zu erwartenden wirtschaftlichen Aufschwung in den Staaten, ermöglicht durch die riesigen Ölressourcen, die dort bald erschlossen werden können. Das Vorhandensein dieser Ölvorkommen wurde als Propagandalüge(!) bezeichnet, da in den USA ohnehin die CIA das Sagen hätte. Gerade, als man sich wieder in Meinungseinheit zunickte, meldete ich fundamentale Zweifel an. Die Reaktion war ein abruptes Ende der gegenseitigen Bestätigung und ungläubige Blicke in meine Richtung, die in hilflosem Gelächter mündete. Ich machte dann den Fehler und führte nur eine kleine Argumentation an (die erste Argumentation in der gesamten “Diskussion” überhaupt). Kurz gefasst führte ich an: Solange es in den USA zwei politische Parteien mit unterschiedlichen Zielen gibt, die sich gegenseitig, auch mittels Parteimedien, bekämpfen, ist eine einheitliche, landesweite “Propaganda” unmöglich. Natürlich ist das nicht das beste Argument, aber es war das erste, was mir in den (durch Alkohol etwas vernebelten) Sinn kam. Und es war mehr als ausreichend, um das ganze Gerede mit einem Satz zu widerlegen. Anstatt die Niederlage anzuerkennen oder gar ihrerseits zu argumentieren, wurden natürlich ad-hominem-Angriffe geführt – nicht, dass ich etwas anderes erwartet hätte.

    Jedenfalls möchte ich nun die Gelegenheit nutzen, die Behauptung, in den USA sei die Pressefreiheit so massiv eingeschränkt, dass man von Propaganda sprechen könne, umfassend zu widerlegen. Zunächst ganz einfach empirisch, in einem zweiten Teil dann logisch-argumentativ. In einem dritten Teil soll dann die Gegenseite selbst analysiert werden: Wieso hasst der Deutsche Amerika? Ein interessantes Thema!

    Die empirische Widerlegung ist so eindeutig, dass sie im Grunde ausreicht. Aber ich höre schon die “Argumente” der “kritischen” “Denker”: Die Daten seien gefälscht! Sie seien ein Produkt der Propaganda! Sie seien keine Widerlegung sondern eine Bestätigung ihrer paranoiden antiamerikanischen Wahnwelt! Natürlich ist es Unsinn, aber ich habe gerne Recht, daher Teil 2. Nun aber in aller Kürze die empirische Widerlegung:

    Die Vereinigten Staaten von Amerika befinden sich auf der Rangliste der Pressefreiheit (Reporter ohne Grenzen). Das klingt nach einem eher schlechten Platz, aber wenn man sich die Punkteverteilung ansieht, wird klar, dass sich die USA (14,0 Punkte, Platz 47; je mehr Punkte, desto weniger Pressefreiheit) nur marginal von höher platzierten Ländern, etwa Deutschland (-3,0 Punkte, Platz 16) unterscheidet. Unfreie Länder dagegen haben eine wirklich schlechte Wertung, etwa Iran (136,0 Punkte, Platz 175) oder Nordkorea (142,0 Punkte, Platz 178). Der Freedomhouse-Report zur Pressefreiheit 2012 zeichnet ein ähnliches Bild: Die USA hat 18 Punkte (je mehr Punkte, desto weniger Pressefreiheit), Deutschland 17. Beide Organisationen sind NGOs.

    So weit, so gut – mehr im nächsten Teil. Nur eins noch. Sollte einer der Betroffenen diesen Blogpost lesen: Nimm es mir nicht übel! Nichts von alledem hier ist persönlich gemeint. Aber wer radikale Meinungen vertritt, muss radikale Antworten ertragen. Da aber eine argumentative, emotionslose Diskussion face-to-face offensichtlich nicht gewünscht ist, wähle ich eben diesen Weg.

    In diesem Sinne: Fröhliche Weihnachten!
    xmas_tree-01

    “Bevor die Regierung eingriff, waren Milch und Eier teuer; nachdem die Regierung eingriff, begannen Milch und Eier, vom Markt zu verschwinden. Die Regierung erachtete diese Produkte für so wichtig, dass sie eingriff; sie wollte deren Produktion erhöhen und die Versorgung der Bevölkerung damit verbessern. Das Ergebnis war das Gegenteil: der auf Eier und Milch beschränkte Eingriff führte zu einer Situation, die – von Seiten der Regierung betrachtet – noch weniger erstrebenswert ist, als der Ausgangszustand, den die Regierung verändern wollte. Und während die Regierung mehr und mehr in die Wirtschaft eingreift, erreicht sie irgendwann den Punkt, an dem alle Preise, alle Gehälter, alle Zinssätze, kurz: alles im gesamten Wirtschaftssystem von der Regierung bestimmt wird. Und das ist, eindeutig, Sozialismus.”

    Frei übersetzt von:

    “Before the government interfered, milk and eggs were expensive; after the government interfered they began to disappear from the market. The government considered those items to be so important that it interfered; it wanted to increase the quantity and improve the supply. The result was the opposite: the isolated interference brought about a condition which — from the point of view of the government — is even more undesirable than the previous state of affairs which the government wanted to alter. And as the government goes farther and farther, it will finally arrive at a point where all prices, all wage rates, all interest rates, in short everything in the whole economic system, is determined by the government. And this, clearly, is socialism.”

    Ludwig von Mises Institute: Interventionism. Nach: Mises, Ludwig von: Economic Policy. Thoughts for Today and Tomorrow (1979).