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Esoterik: Eine Polemik

21. Oktober 2013

Ich wurde vor kurzem etwas irritiert auf meinen glühenden Eifer angesprochen, mit dem ich esoterische Behauptungen bekämpfe. Ich gehe in diesem Artikel darauf ein, werde dabei einige Punkte wiederholen, die ich anderswo schon besprochen hatte, möchte aber den Fokus auf meine persönliche Motivation richten.

Zunächst: Wer mich kennt, weiß, dass ich durch und durch liberal bin. Grundlegend verknüpft mit dem Liberalismus ist eine riesige Toleranz gegenüber anderen Menschen. Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Ebenso grundlegend verknüpft ist eine ebenso riesige Intoleranz gegenüber allem, was die persönliche Freiheit der Menschen einschränkt. Um es hier schon auf den Punkt zu bringen: Ebenso wie Faschismus, Kommunismus, Islamismus und anderer religiöser Fundamentalismus, sowie in geringerem Maße Sozialismus und andere Religionen, sind esoterische Behauptungen, Ansichten und Systeme (zusammengefasst: Esoterik) freiheitseinschränkende Kräfte. Und weil die Einschränkung der Freiheit wesenhaft mit diesen Kräften verknüpft ist, genügt es nicht, die Einschränkung zu bekämpfen, sondern die Kräfte, die Systeme selbst müssen zerstört werden.

Das ist der Kern meiner Argumentation. Dennoch bleibt eine Frage offen: Wieso zählt die Esoterik unter die Elemente, die sich gegen die persönliche Freiheit des Menschen richten? Es sind mehrere Ebenen der Betrachtung, die ausschließlich diese Schlussfolgerung zulassen. Sie sollen nachfolgend gesondert behandelt werden.

1: Esoterik ist anti-aufklärerisch.
„Esoterisch“ ist jede Behauptung, die nicht nach bestmöglicher Nachprüfung strebt. Das Wort selbst stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie „dem inneren Kreis zugehörig“. Ich möchte hier keinen Exkurs in die Etymologie machen, aber die ursprüngliche Wortbedeutung zeigt, dass meine Definition sehr gut damit vereinbar ist. Alles Esoterische (auch nach der ursprünglichen Bedeutung) schottet sich gegenüber irgendetwas oder irgendjemandem ab. In meiner Definition schottet es sich gegenüber objektiver und kontrollierter Überprüfung ab. Und dafür muss es einen Grund geben – wäre der Esoteriker davon überzeugt, dass seine Behauptung einer objektiven Überprüfung standhielt, wäre er kein Esoteriker, sondern würde entweder selbst einen kontrollierten Versuch (oder gar eine Studie) durchführen, ein Institut damit beauftragen, oder wenigstens seine Behauptung maximal transparent formulieren und sie so jedem Interessierten zur Nachprüfung bereitstellen.
Esoterisch ist also, anders gesagt, alles, was seine Legitimation nicht auf Empirie und Logik stützt, sondern etwa auf Autorität, anekdotische Erzählungen, falsche Hoffnungen oder auch ganz platt auf Lügen.

2: Esoterik schadet anderen Menschen
Natürlich ist nicht jede esoterische Behauptung falsch. Bestimmt gibt es sogar einige, die mehr oder weniger richtig sind – aber das ist nicht der Punkt. Ein Grundproblem esoterischer Behauptungen ist die in Punkt 1 angesprochene Unwissenschaftlichkeit: Entweder sind esoterische Behauptungen so aufgestellt, dass sie nicht nachgeprüft und widerlegt werden können, oder der Esoteriker akzeptiert eine Widerlegung nicht.
Das wäre nicht weiter schlimm, würden dadurch nicht andere Menschen geschädigt werden. Es gibt unzählige dokumentierte (und vermutlich unzählig Mal mehr nicht-dokumentierte) Fälle, bei denen Menschen durch ihren bedingungslosen Glauben an Esoterik ihr Geld, ihre Gesundheit, oder gar ihr Leben verloren haben. Esoterik zielt hauptsächlich auf unaufgeklärte, unwissende, hoffnungslose, ausgegrenzte, unsichere, leichtgläubige, naive und kranke Menschen ab, denen wissenschaftliche Erklärungen zu kompliziert und unverständlich, zu weltlich und unspirituell oder zu hoffnungslos und unausweichlich erscheinen. Wem erzählt wird, dass sein Kind ein höchstbegabtes Engelskind ist, hört das jedenfalls lieber, als das Ergebnis der psychologischen Untersuchung, die dem Kind Minderbegabtheit und ADS diagnostiziert. Wahrheit tut weh. Wer vor der „Alternative“ zwischen Chemotherapie und Handauflegen steht, wird vielleicht lieber die „sanftere“ Methode wählen. Wahrheit tötet.

3: Esoterik schadet der Gesellschaft
Esoterisches Denken ist unlogisch und unwissenschaftlich. Anstatt den Glauben der Wirklichkeit anzupassen, wird die Wirklichkeit in den Glauben gepresst. Die Vergangenheit hat gezeigt – und die Gegenwart zeigt heute noch – dass unlogische Geisteshaltungen eine der Hauptursachen für Gewalt, Unterdrückung und Krieg waren.
Die religiösen Kreuzzüge im Mittelalter, der rassistische und religiöse Kolonialismus der Neuzeit, die Nationalismen hinter den beiden Weltkriegen, der Radikalismus hinter dem Terror des 20., der Fundamentalismus hinter dem des 21. Jahrhunderts – all diese Erscheinungen haben einen gemeinsamen Nenner: Die jeweilige Rechtfertigung basiert auf Unlogik und Unwahrheit. Die Gründe dafür mögen auch andere sein – aber mit dem Hinweis auf persönliches Machtstreben lässt sich niemand begeistern. Mit dem Auftrag Gottes, der Wiederherstellung der natürlichen Hierarchie der Rassen, dem Krieg gegen ein minderwertiges Volk, dem Kampf gegen die unterdrückende Gesellschaft und der Vernichtung der Ungläubigen dagegen sehr wohl.
Nun gibt es unter den typischen Esoterikern eher wenige, die aktiv nach dem Leben anderer trachten (abgesehen von einigen suizidären Kulten), aber in der Denkstruktur, im Charakter jedes einzelnen Esoterikers steckt ein Samenkorn des Hasses. Mehr dazu im nächsten Punkt.
Auch vom technologischen Standpunkt her ist Esoterik ein schädlicher Parasit. Esoteriker vergeuden ihre Mittel und die Mittel anderer (in Form von Geld und Lebenszeit), um einer Idee hinterherzujagen, die mit etwas Menschenverstand oder einem Blick in einige Studien ihren wahren Wert entpuppen würde. Ganze Existenzen werden bei der (natürlich erfolglosen) Entwicklung von Wassermotoren, pseudomedizinischen Therapiemethoden und anderem Wunderwerk zerstört. Denn der Aufwand ist enorm, Lohn gibt es aber keinen – eine Tatsache, die vielen erst dann auffällt, wenn das Konto leer, der Partner über alle Berge und der Freundeskreis auf ein paar wenige Mit-Esoteriker geschrumpft ist. Hätte der Esoteriker seine Mittel dagegen in produktive Arbeit gesteckt, hätte nicht nur er adäquaten Lohn für seinen Aufwand bekommen, er hätte auch der Gesellschaft geholfen, ein kleines bisschen weiter zu kommen und besser zu funktionieren.

4: Esoterik ist dualistisch
Einen Vorgeschmack auf diesen Hass bietet jeder Esoteriker gern, wenn er auf seinen persönlichen Glauben kritisch angesprochen wird. Da – wir erinnern uns – esoterische Behauptungen einer kritischen Überprüfung wesenhaft nicht zugänglich sind, kann der Esoteriker zwar versuchen, ominöse Studien zur Verteidigung vorzuschieben, aber spätestens bei Nachprüfung der Studien wird klar, dass es sich hierbei nicht um ernstzunehmende, kritische Nachprüfungen handelt. Gäbe es tatsächlich Studien, welche die Behauptung untermauern, würde es sich nicht mehr um Esoterik handeln.
Die zweite Verteidigungslinie mag aus anekdotischen Erzählungen bestehen, wie sehr Mittel X der Person Y geholfen habe, wie Mittel X schon vor tausenden von Jahren von irgendwelchen archaischen Kulturen genutzt wurde und so weiter. Auch das kann höchstens diejenigen überzeugen, die sich ohnehin überzeugen lassen wollten. Interessant wird es dann am dritten (und oftmals letzten) Wall vor der esoterischen Festung. Hier offenbart der Esoteriker sein dualistisches Weltbild, das ebenfalls wesenhaft mit der Esoterik verbunden ist. Für den Esoteriker gibt es gut und böse. Gut sind diejenigen, die seinen Glauben teilen, böse sind potentiell alle anderen, ganz besonders böse sind aber diejenigen, die seinen Glauben kritisieren – oder die er dessen bezichtigt. Und diese Kategorisierung ist nicht abstrakt, im Gegenteil: Esoteriker fühlen sich grundsätzlich verfolgt, verleumdet und hintergangen. Sei es die Pharmaindustrie, welche den Erfolg irgendwelcher Mittelchen und Gerätchen verhindere (der pure Hohn, wenn man sich klarmacht, dass „die Pharmaindustrie“ zu einem Teil aus esoterischem Unfug, nämlich Homöopathie, besteht), sei es die Regierung, die den Himmel mit sog. „Chemtrails“ verseuche, um die Bevölkerung gefügig zu machen, seien es die Juden, die im Hintergrund heimlich die Fäden ziehen. Die Liste geht endlos weiter. Und sie ist notwendig, denn anders kann ein Esoteriker seine Außenseitermeinung nicht begründen – einer sachlichen Überprüfung halten die Behauptungen schließlich nicht stand. Also werden „die Bösen“ herangezogen, die daran schuld seien, dass die eigene esoterische Meinung nicht von allen als Wahrheit erkannt wird.

Anmerkung: Man könnte den Eindruck bekommen, ich hätte ein ebenso dualistisches Weltbild, wie ich es den Esoterikern vorwerfe. Hier die gute Wissenschaft, dort die bösen Esoteriker. Ganz so einfach ist es leider nicht. Innovationen erwachsen oftmals aus unsinnig erscheinenden Ideen, daher darf man – gerade in der Anfangsphase einer Idee – nicht allzu kritisch sein. Auf der anderen Seite ist irgendwann der Punkt erreicht, wo man eine dumme, eine esoterische Idee von einer Idee mit Potential unterscheiden kann. Und auch wenn es schmerzt: Hier muss man radikal sein und die Idee verwerfen. Und hier setzt meine Unterscheidung an, nicht früher.
Jedem Esoteriker, der von seiner Idee überzeugt ist, und beim Lesen meines Beitrags nur den Kopf schütteln kann, gebe ich eine Chance: Formuliere deine Behauptung nachprüfbar, konstruiere einen Test zur Nachprüfung. Lasse ihn von mehreren unabhängigen Personen oder Institutionen nachprüfen. Dann glaube ich dir sogar, dass Du Holz in Gold verwandeln kannst.