/* Disable XMLRPC */ add_filter( 'xmlrpc_enabled', '__return_false' ); /* Remove XMLRPC, WLW, Generator and ShortLink tags from header */ remove_action('wp_head', 'rsd_link'); feed.the1nter.net » Archiv » Religion für rationale Geister: Simulismus

Wer sich einen offenen Geist bewahrt, weiß, wie gering die Chance ist, dass der christliche Glaube von einem realistischen Standpunkt aus der Wirklichkeit entspricht. Die Argumente dagegen sind mannigfaltig und sollen hier nicht alle aufgezählt werden. Nur ein Beispiel zur Verdeutlichung: Jede Religion behauptet, die Wahrheit entdeckt zu haben. Wie wahrscheinlich ist es, dass unter tausenden Religionen, die es im Verlauf der Menschheitsgeschichte gegeben hat, das Christentum die eine ist, die tatsächlich die Wahrheit entdeckt hat? Von einem wissenschaftlichen Standpunkt gesehen ist Religion jedenfalls unhaltbar. Dennoch sind die meisten Menschen bis heute religiös – egal, ob sie regelmäßig zur Kirche gehen oder daheim im Stillen beten. Man kann Religion als kulturellen Faktor betrachten, der eben noch ein Überbleibsel unserer vor-wissenschaftlichen Vergangenheit darstellt, aber das würde der Wirklich nicht gerecht. Tatsächlich suchen die Menschen in unserer zunehmend verwissenschaftlichten und hochkomplex technisierten Welt nach einfachen Erklärungen abseits von Fachbüchern, Universitäten und Forschungslaboren. Und an dieser Stelle steht die Religion bereit, die den suchenden Menschen nur allzu gerne unter ihre Fittiche nimmt. Es kann also durchaus von einer religiösen Konstante in der menschlichen Genetik gesprochen werden, die bei aller Vernunft den Charakter dennoch beeinflusst.

Wer sich nun aber einen, wie oben gesagt, offenen Geist bewahrt, der kann Religion und Wissenschaft nicht unter einen Hut bringen, ohne sich selbst zu betrügen: „Ich weiß, dass es nicht sein kann, aber ich glaube daran“ ist keine logisch gültige Aussage, zumal das religiöse „Glauben“ sich im religiösen Selbstverständnis über das weltliche „Wissen“ stellt. Was bleibt also? Einerseits der Atheismus, der aber bei näherer Betrachtung den übereifrigen Schritt vom Regen in die Traufe darstellt. Aus der Feststellung: „Ich weiß, dass es den christlichen Gott gibt!“ wird die absolute Verneinung: „Ich weiß, dass es keinen Gott gibt!“. Und auch das ist Unsinn. Wo ist der Beleg dafür, dass es keinen Schöpfer gibt oder gab? Wer kann beweisen, dass der Urknall aus dem Nichts geschah und nicht etwa von einem intelligenten Wesen ausgelöst wurde, das auch die Naturgesetze definierte? Die Nichtexistenz eines Schöpfers ist vielleicht wahrscheinlicher als die Existenz genau des Schöpfers, den die katholische (oder irgendeine andere) Kirche definiert, aber sie ist ebenso wenig belegbar.

Die andere Möglichkeit ist der Agnostizismus, oder als dessen Unterform der schwache Atheismus oder Theismus. „Ich kann nicht wissen, ob es einen Schöpfer gibt, daher mache ich keine feststellende Aussage zu seiner Existenz; es kann sein, dass es keinen Schöpfer gibt, es kann aber auch sein, dass es einen Schöpfer gibt“ ist die Grundaussage des Agnostikers. Und diese Grundaussage ist wissenschaftlich voll und ganz akzeptabel. Der schwache Atheismus basiert auf diesem agnostischen Statement, fügt aber hinzu: „Dennoch glaube ich nicht, dass es einen Schöpfer gibt“, wobei dieses „Glauben“ der eigentlichen Wortbedeutung entspricht – der schwache Atheist glaubt an die Nichtexistenz Gottes, würde sich aber durch wissenschaftliche Evidenz gegenteilig überzeugen lassen. Analog dazu ist der schwache Theist, der an einen Schöpfer glaubt, aber keine konkreten Aussagen zu seiner Beschaffenheit macht, die wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechen würden.

Der Agnostizismus bietet also einen wunderbaren logischen Ausweg aus der Religionsfrage. Leider empfinden ihn viele Menschen als unbefriedigend, was den religiösen Teil ihres Charakters betrifft. Denn eine Messe in der Kirche, ein ausgearbeiteter Glaubenskanon, ein heiliges Buch, selbst die radikale Verweigerung eines Schöpfers bietet mehr fassbaren Halt, als die Ablehnung aller konkreten Aussagen zur Beschaffenheit eines möglichen Schöpfers. Nun möchte ich in diesem Artikel eine durchaus brauchbare Alternative zu herkömmlichen Religionen bieten, die darüber hinaus auch noch wissenschaftlich verträglich ist: Den Simulismus.

Der Begriff „Simulismus“ existiert bereits in anderen Bedeutungen und stellt im religiösen Kontext eine Neuschöpfung dar. Warum ich diesen Begriff gewählt habe, wird recht schnell einleuchten. Zunächst aber die Evidenz, worauf der Simulismus basieren soll (Quelle wird nachgereicht): Unlängst gelang es Wissenschaftlern, einen winzigen Teil des Universums vollständig zu simulieren. Das bedeutet, dieser winzige Teil wurde auf einem Computer so präzise nachgebaut, dass er von der Wirklichkeit nicht mehr unterscheidbar ist, egal wie genau man ihn analysiert. Es handelt sich dabei um den Bruchteil eines Millimeters – so klein, dass er mit bloßem Auge nicht erkennbar ist.

Es geht aber hier gar nicht um diesen konkreten Teil. Von Bedeutung ist das Ergebnis: Die Simulation eines winzigen Teils des Universums ist möglich. Daraus folgt notwendig: Die Simulation des gesamten Universums ist möglich. Die dafür notwendige Computerleistung ist gigantisch und zum jetzigen Stand der Technik ist eine solche Komplettsimulation undenkbar, aber die Möglichkeit ist vorhanden, und das ist, was zählt. Was folgt nun aus dieser theoretischen Möglichkeit, das ganze – oder besser: ein ganzes – Universum zu simulieren? Ganz einfach: Sie wird genutzt werden. Ein simuliertes Universum würde uns auf kurz oder lang quasi allwissend machen, was die Mechanismen und Naturgesetze angeht. Wir könnten den Urknall beobachten, die Entstehung von Planeten, Sonnen und Galaxien, die Formierung von Kontinenten und Ozeanen, die Herausbildung ersten Lebens, die Evolution einer Vielzahl verschiedener Spezies und schließlich die Entwicklung intelligenten Lebens.

Bleiben wir kurz bei diesem intelligenten Leben – wie würde es aussehen und sich verhalten? Vermutlich würde es ähnliche Charakteristika besitzen wie die Spezies der Menschen – außer natürlich, die Parameter unserer Simulation wären bewusst verändert worden, wovon wir aber erst einmal nicht ausgehen. Was wir zunächst wollen, ist eine simulierte Kopie unseres Universums, was die Gesetzmäßigkeiten und Grundvoraussetzungen angeht. In unserem simulierten Universum entwickeln sich also simulierte menschenähnliche Wesen (und vermutlich viele andere intelligente Spezies, die uns derzeit nicht bekannt sind), die sich analog zur echten Menschheit weiterentwickeln. Sie bilden Kulturen und Zivilisationen, sie führen Kriege, sie betreiben Forschung, und – gegeben den Fall, sie löschen sich nicht gegenseitig aus, oder fallen einer Naturkatastrophe zum Opfer – irgendwann gelangen sie an den Punkt, einen winzigen Teil des Universums zu simulieren.

Spätestens jetzt sollte klar werden, was die Möglichkeit der Simulation des Universums bedeutet. Fassen wir kurz zusammen: Es ist möglich, Universen zu simulieren. Aus der Möglichkeit folgt, dass sie auch genutzt werden wird, sofern jemand dazu in der Lage ist. Weiterhin besteht auch für die simulierten Universen, ihrerseits Universen zu simulieren. Ergo ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein einziges reales Universum, und eine Reihe von Simulationen und Simulationen in Simulationen existieren. Die Wahrscheinlichkeit, dass unser Universum das reale ist, beläuft sich auf x : (1 + Anzahl der simulierten Universen). Da die Anzahl der simulierten Universen uns unbekannt ist, können wir auch diese Wahrscheinlichkeit nicht berechnen, aber man kann problemlos feststellen, dass wir uns vermutlich in einem simulierten Universum befinden.

Es gibt natürlich auch einige Punkte, die Fragen aufwerfen. Etwa die notwendig reduzierte Auflösung mit jeder weiteren Simulationsebene, die benötigte Rechenleistung, mögliche Datenkomprimierung etc. Aber das werde ich gesondert in anderen Artikeln besprechen. Hier soll nur der Grundgedanke vorgestellt werden.

Abschließend soll nun der Bogen zur Religion gespannt werden. Der hier vorgestellte Gedanke der simulierten Universen ist mit heutigen Mitteln untestbar, also Metaphysik. Allerdings, anders als herkömmliche Religionen, handelt es sich um plausible, um gute Metaphysik, da sie auf wissenschaftlichen Grundlagen basiert. Man kann daran glauben, in einem simulierten Universum zu leben, ohne wissenschaftlichen Erkenntnissen und kritischem Denken zu widersprechen. Ich nenne diesen Glauben „Simulismus“. Natürlich muss man bereit sein, diesen Glauben fallen zu lassen, sollte er widerlegt werden – was aber nicht allzu bald der Fall sein wird, sollte es überhaupt etwas zu widerlegen geben. Glaubt man daran, in einem simulierten Universum zu leben, muss man keine Schöpfer anbeten, keine Messen besuchen und keine Rituale vollziehen. Dennoch existiert etwas Übersinnliches, woran man festhalten kann. Auch die Hoffnung auf ein „Leben“ nach dem Tod wird durch den Simulismus nicht ausgeschlossen – im Gegenteil. Es könnte durchaus wissenschaftlichen Nutzen haben, die gestorbenen Individuen in einer Simulation nach ihrem Tod außerhalb des simulierten Universums am Leben zu erhalten. Natürlich könnte ein Simulist versuchen, mit seinen „Schöpfern“ in Kontakt zu treten – ich befürchte, es würde nicht unbedingt von Erfolg gekrönt sein, aber die Möglichkeit ist theoretisch vorhanden. Denn wenn jemand ein Universum simuliert, wird es auch betrachten, und er könnte mit dem simulierten Universum in Kontakt treten. Wenngleich eine Grundregel der Nicht-Einmischung sehr wahrscheinlich wäre.

Aber wir bewegen uns nun in einem Bereich der Spekulation, der ebenfalls in anderen Artikeln besser aufgehoben sein wird. Für diesen Artikel verbleibe ich mit dem Simulismus als interessanter und wissenschaftsfreundlicher These, die deutlich wahrscheinlicher und glaubwürdiger ist, als jede Religion. An den Simulismus zu glauben (im Sinne von hoffen), lässt sich mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen vereinbaren, und gleichzeitig bietet er metaphysischen Halt für alle, die dem rationalen Denken verhaftet sind, aber dennoch Sehnsucht nach Übersinnlichem haben.