Wer sich über Oswald Spengler informiert, wird relativ bald die extreme Verbindung entdecken, die heute von ihm zum Nationalsozialismus gezogen wird. Bei Wikipedia etwa wird Spengler als “geistiger Wegbereiter des Nationalsozialismus” bezeichnet, anderswo wird von Spengler als Hitlers größte Inspiration gesprochen. Und damit dürfte für die meisten das Thema auch schon wieder beendet sein; wer möchte sich schon eingehend mit Ansichten beschäftigen, die offenbar direkt zu Hitlers Nazideutschland führten? Ich habe allerdings den Versuch gewagt und mich, ohne vorher irgendwelche Zusammenfassungen oder Biographien zu lesen, mich direkt mit Spenglers Hauptwerk beschäftigt. Und siehe da: Bereits in der Einleitung erweist sich Spengler als haarscharfer Beobachter, der nicht nur Themen anspricht, die noch heute brandaktuell sind, sondern der auch durchaus exakte und richtige Schlüsse daraus zieht.

Nun wäre es falsch, alle Wissenschaftler, die sich intensiv mit Spengler befasst haben, der Lüge zu bezichtigen, und Spengler als einen großartigen Philosophen (besser: Kulturwissenschaftler) ohne jeden Makel zu bezeichnen. Besonders die tieferen Schlüsse, die er aus seinen Beobachtungen zieht und die sich schon auf einer Metaebene befinden, sind nicht unbedingt einleuchtend und kritiklos annehmbar. Aber ich finde, bei der Spengler-Rezeption stand immer seine angebliche Nähe zu dem zweifellos erbrechen im Nationalsozialismus im Vordergrund, und das eigentlich Erwähnenswerte, Spannende, Interessante und Einleuchtende wurde stets nur am Rande und widerwillig zugestanden.

Was hat Spengler nun aber so Herausragendes erkannt, dass ich ihm einen separaten Artikel widme? Wie gesagt, sind es bei Spengler eher die einleitenden Worte und Beobachtungen, die mich bei der Lektüre seines Hauptwerks (Der Untergang des Abendlandes) tief beeindruckten. Die Schlüsse und übergeordneten Theorien, die er daraus ableitet, sind allerdings fragwürdig, wenn auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Beginnen wir zunächst mit diesen übergeordneten Theorien, um das Unbequeme direkt zu Beginn abzuarbeiten.

Spengler ist der Ansicht, Gesellschaften würden sich notwendigerweise dualistisch-zyklisch entwickeln, und es gäbe keine Möglichkeit, diesem Zyklus zu entrinnen. Er unterscheidet dabei Kulturen von Zivilisationen, die sich jeweils abwechseln. Während die reine Kultur nur das Mythische, das Religiöse, das Künstlerische, das Natürliche kenne, gäbe es bei der reinen Zivilisation nur das Logische, das Mathematische, das Rationale. Die Entwicklung einer Gesellschaft nach Spengler kann man sich als Sinuskurve vorstellen, die sich immer von der Kultur zur Zivilisation und wieder zurück entwickelt. Spengler bevorzugt dabei keine der beiden Gesellschaftsformen, und sieht als Voraussetzung eines guten und erfolgreichen Lebens das Annehmen dieser übergeordneten Zyklen. Dagegen anzukämpfen hält er für verschwendete Energie. Spengler zieht die historische Entwicklung verschiedener Gesellschaften der Welt als Belege für seine Theorie heran.

Das ist also die Kernaussage seines Werkes, und ich muss gestehen, dass ich die Verbindung zum Nationalsozialismus beim besten Willen nicht erkennen kann, aber vielleicht habe ich mich einfach noch nicht tief genug damit befasst. Wie auch immer – auf die Kernaussage kommt es mir ohnehin nicht an, denn die mag zwar tendenziell in vielen Beispielen zutreffen (man denke nur an das derzeitige Erstarken der Esoterik, einem nach Spengler kulturellen Element, in unserer durch und durch technisierten, also zivilisierten Welt), aber eine “notwendige Entwicklung der Geschichte” ist schlicht und einfach Unsinn. Es war Unsinn bei Hegel, war Unsinn bei Marx und ist eben auch Unsinn bei Spengler.

Nun aber zum interessanten Teil. Die erste wichtige Beobachtung, die Spengler macht, ist der historische wie regionale Eurozentrismus moderner Geschichtsschreibung. Dieses Thema ist heute noch hochaktuell, und die explizite und radikale Kritik Spenglers zu seiner Zeit (Anfang des 20. Jahrhunderts), ist erstaunlich progressiv und weitblickend. Man kann kaum glauben, dass Spengler einer der größten Vertreter der konservativen Revolution gewesen sein soll. Was kritisiert Spengler konkret? Er untersucht, wie gesagt, die moderne Geschichtsschreibung, wobei ihm auffällt, dass je näher die bearbeitete Zeit an der Gegenwart und je näher die bearbeiteten Ereignisse am geographischen Europa liegen, desto umfangreicher und ausführlicher werden sie behandelt. Daraus folgt, dass bedeutende Hochkulturen, die allerdings vor langer Zeit an fernen Orten existierten (etwa die mexikanische oder ägyptische Kultur), so abgefasst wird, dass ein Jahrtausend jener Kulturen einem so vorkommt, wie ein einziges Jahr der jüngeren europäischen Geschichte.

Die andere wichtige Beobachtung ist der Einfluss der Gesellschaft auf die wahrgenommene Wirklichkeit. Spengler radikalisiert diese Feststellung so weit, dass nach seiner Meinung Theorien, Mentalitäten und Wirklichkeiten aus einer reinen Kultur in einer reinen Zivilisation nicht verstanden werden können, und umgekehrt. Auch das bestätigt sich, zumindest tendenziell, in den erfolglosen, gegenseitigen Missionierungsversuchen von Esoterikern und Rationalisten, die jeweils ihre Ansichten für absolut wahr halten. Dabei möchte ich keinesfalls Wissenschaft und Esoterik auf eine Stufe stellen – objektiv ist die Wissenschaft richtig und die Esoterik hanebüchen, aber subjektiv eben nicht. Wie erwähnt radikalisiert Spengler diese Ansicht allerdings, indem er die Existenz einer objektiven Wahrheit komplett verneint. Die Beobachtung der Abhängigkeit der Wahrnehmung und Denkweise von der Gesellschaft ist aber ein wissenschaftliches Grundprinzip, das zu Spenglers Zeit keinesfalls selbstverständlich war.

Und so formuliert und kritisiert Spengler in seiner Einleitung zwei überaus wichtige und revolutionäre Punkte, nämlich den Eurozentrismus und die Relativität der individuellen Wahrnehmung, die selbst in der Wissenschaft auch heute noch lange nicht selbstverständlich berücksichtigt werden. Diese Errungenschaften Spenglers werden bei der Fokussierung auf den Nationalsozialismus leider ausgeblendet, und so wird eine adäquate Bewertung der Person und des Philosophen oder Kulturwissenschaftlers Spenglers verunmöglicht.