Die Deutsche Mentalität

May 15th, 2013

Typisch deutsch! Absolute Gehorsamkeit? Preußische Disziplin und industrielle Massenvernichtung? Bürokratismus? Recht und Ordnung? Blinde Staatsgläubigkeit? Liegestuhl reservierende Urlauber auf Mallorca? Ja, vielleicht. Auch. Aber mittlerweile hat sich eine Eigenschaft besonders etabliert, die man bei einem so großen Teil der Bevölkerung zu finden scheint, dass sie wirklich als “Mentalität” bezeichnet werden kann. Die Träger dieser Eigenschaft würden sie “kritisches Denken” nennen, aber das ist schon eine krasse Verzerrung des Begriffs. Denn eigentlich meint “kritisches Denken” das Nachprüfen von Behauptungen, die Suche nach Wahrheit, das Infragestellen von Autoritäten und nicht zuletzt: Die konstruktive Suche nach Problemlösungen. Eine wirklich großartige Eigenschaft, die man sich selbst und jedem anderen Menschen nur wünschen kann.

Aber was unterscheidet das echte “kritische Denken” vom falschen “kritischen Denken”? Letzteres ist, in aller Kürze, die selbstgefällige Verachtung von all dem, was einem nicht in den Kram passt, die willkürliche Definition abstrusester Behauptungen als “Wahrheit” und die Verschleierung der eigenen Ziele, indem irgendwelche höheren moralischen Kategorien vorgeschoben werden. Der deutsche kritische Denker versucht nicht, in aller Gelassenheit und Genauigkeit ein Problem zu analysieren und konstruktiv anzugehen. Nein: Er empört sich, er schreit hysterisch auf, er überhöht das Problem zum Bösen an sich; er sieht darin das Ende der Zivilisation, die Verschwörung der Mächtigen, den Zorn Satans; er kann es nur im Ganzen sehen, im Ganzen hassen, im Ganzen zerstören; akzeptieren kann er keine Lösung, keinen Kompromiss, nur die völlige Vernichtung; er kann nicht differenzieren, kann nicht diskutieren, kann nicht einsehen – nur verblenden, dogmatisieren und noch lauter schreien. Er sucht die Gesellschaft seinesgleichen und ist damit in Deutschland wohl zuhause. Niemand wird sich erdreisten, ihn zu hinterfragen – er möchte doch Gerechtigkeit! Für alle Menschen! Wie könnte er damit falsch liegen? Dass diese Argumentation die angebliche Intention mit der Konsequenz gleichsetzt, scheint niemand zu bemerken.

Mit Leichtigkeit erklärt er die Verschwörung um 9/11, die Ölgier der Amerikaner, die Vergiftung der Bevölkerung durch die Regierung mit verschiedensten Mitteln; mit der größten Selbstverständlichkeit setzt er Israel mit Nazideutschland gleich, spricht vom Kapitalismus wie von Pest und Cholera, unterstützt er Revolutionen jeder Art. Es ist so einfach: Er, der deutsche kritische Denker, weiß genau, was Gut und was Böse ist – es ist doch auch so offensichtlich! Er muss nicht einmal mehr den Stammtisch aufsuchen, im Internet warten Millionen von Websites auf seinen Besuch und Dokumentationen auf seine Aufmerksamkeit damit sie ihn weiter aufklären können über das Übel der Welt. Und diese “Aufklärung” saugt er auf. Kritisches Denken? Doch nicht hier! Wie kann man es wagen, die deutschen kritischen Denker zu kritisieren? Schon vergessen? Sie wissen doch über Gut und Bös’ Bescheid! Ausnahmslos, immer, ausschließlich: Etablierte Meinungen, bewährte Methoden, erfolgreiche und mächtige Personen sind das Problem.

Und ihre Lösung? Vernichten! Weg mit dem Kapitalismus, occupy everything! Weg mit den Amerikanern, ersäuft sie in Öl! Weg mit den Israelis, Inch’Allah! Weg mit der Schulmedizin, wer heilt hat recht! Weg mit der Demokratie, viva il Duce!

Das ist er also, der neue alte Deutsche. Der kritische Denker. Besessen von seiner German Angst erträgt er es nicht, wie die Problemlösung auf der Welt voranschreitet. Langsamen, stetigen Fortschritt kann er nicht ertragen, selbst ein großer Rückschritt ist ihm lieber; Rückschritt im Gleichschritt, das fasst seinen Ungeist gut zusammen.