/* Disable XMLRPC add_filter( 'xmlrpc_enabled', '__return_false' );*/ /* Remove XMLRPC, WLW, Generator and ShortLink tags from header remove_action('wp_head', 'rsd_link');*/ feed.the1nter.net » Archiv » Wissenschaft oder Esoterik?, pt.3: Esoteriker

Als esoterisch werden Annahmen und Überzeugungen bezeichnet, die sich einer logischen Überprüfung verwehren – aus dem einfachen Grund, dass sie einer solchen Überprüfung nicht standhielten. Ursprünglich bezeichnete die Esoterik eine geheime, nur einem bestimmten Personenkreis zugängliche Lehre. Früher konnten es sich bei diesen Lehren durchaus um vernünftige philosophische oder naturwissenschaftliche Systeme handeln, die aus gewissen Gründen der breiten Öffentlichkeit vorenthalten wurden – etwa, um nicht mit den vorherrschenden Lehren in Konflikt zu geraten. Auch heute bilden die Anhänger esoterischer Thesen nicht selten mehr oder weniger abgeschlossene Gruppierungen, allerdings aus anderen Gründen als früher: Zunächst ist es ein grundlegendes Bedürfnis jedes Menschen, sein Weltbild von anderen bestätigt zu bekommen. Da viele esoterische Systeme aber zu grundlegenden Ansichten unserer Kultur im krassen Widerspruch stehen, wären jene esoterische Kategorien einer konstanten Anzweiflung ausgesetzt, woraus die Isolierung und die Vergemeinschaftung der Esoteriker mit ihresgleichen resultiert – sie erschaffen sich ihre eigene Welt und verkehren nur mit Menschen, die ebenfalls in dieser Welt leben.

Daneben wird diese Zirkelbildung auch von den Führern der jeweiligen esoterischen Systeme vorangetrieben, und zwar aus einem höchst profanen Grund: Wegen des Geldes und nicht zuletzt wegen der Macht. Die wohl populärste Form jener esoterischer Führer sind sogenannte Sekten-Gurus, die nicht selten auch eine räumlich abgegrenzte Gruppenbildung anstreben. Extreme Beispiele wären hier etwa diverse, nach außen abgeschottete Sekten-Kolonien oder das Scientology-Trainingsschiff, das die meiste Zeit in internationalen Gewässern kreuzt und den Passagieren so effektiv jede Fluchtmöglichkeit nimmt.

Durch die völlige räumliche wie mentale Isolation der Anhänger von der Außenwelt können so qua Indoktrination und Propaganda felsenfeste Überzeugungen in deren Charaktern erschaffen werden, die bis hin zur fast völligen kulturellen Inkompatibilität mit den Menschen in der Außenwelt führen können. Natürlich ist eine Führungsperson, ein Guru nicht zwangsläufig Voraussetzung für eine esoterische Weltanschauung. Gerade in Zeiten der globalen Vernetzung werden esoterische Ansichten über das Internet schnell verbreitet. Bei dieser Art von autodidaktischer Esoterisierung eines Individuums kann man einen mehrstufigen Prozess beobachten, der in einem komplett entrücktem Weltbild endet: Die Grundvoraussetzungen sind für gewöhnlich eine gewisse Unzufriedenheit mit der momentanen Situation (egal, ob finanzieller, partnerschaftlicher, gesellschaftlicher, politischer oder anderer Art), eine gewisse irrationale und unwissenschaftliche Denkstruktur und ein Mangel an gesundem Menschenverstand.

Wer sich im Internet bewegt, stößt zwangsläufig irgendwann auf esoterische Ansichten (teilweise werden sie sogar von eigentlich vertrauenswürdigen Seiten transportiert); insbesondere Verschwörungstheorien haben derzeit Hochkonjunktur. Diese sind so formuliert, dass sie leicht verständlich auf den ersten Blick absolut einleuchtend sind. Die Möglichkeit einer Falsifikation im wissenschaftlichen Sinn ist selbstverständlich nicht gegeben. Ein weiteres und sehr charakteristisches Merkmal, das stets vorhanden ist, stellt der Verweis auf gewisse Interessengruppen dar, welche die angebliche Wahrheit verhindern wollen. Damit werden zwei Funktionen erfüllt: Erstens wird so die Frage geklärt, weshalb so einleuchtende und meist angeblich weltverbessernde Ansichten nicht globaler Konsens sind. Ein Beispiel: Ein Motor, der mit Wasser läuft, wäre die Lösung des Energieproblems der Menschheit, aber die Ölkonzerne verhindern laut esoterischer Argumentation dessen Einführung. Zweitens wird durch den Verweis auf jene Interessengruppen ein dualistisches Weltbild transportiert, das Grundvoraussetzung für esoterische Ansichten ist. Der Dualismus besteht in der Aufteilung der Welt in die Guten, also die Esoteriker, welche die angebliche Wahrheit kennen und sie zugunsten der Menschheit verbreiten wollen, und in die Bösen, also die Vertreter herkömmlicher Modelle und Theorien, welche die Verbreitung der angeblichen Wahrheit verhindern und oftmals der Menschheit schaden wollen.

Lässt ein Individuum nun die Bildung einer esoterischen Überzeugung zu, stößt es damit auch eine Umstrukturierung seines gesamten Weltbildes an, denn ohne diesen Dualismus können esoterische Überzeugungen nicht existieren. Denn gäbe es niemanden, der aktiv gegen die angebliche Wahrheit vorginge, weshalb ist diese angebliche Wahrheit dann nicht allgemeiner Konsens? Das Individuum, das anfangs also nur dem Glauben an den Wassermotor folgt, wird bald schon in eine Spirale der Esoterik gezogen, aus der es immer schwieriger wird, zu entrinnen, da sich fast der gesamte Charakter dementsprechend anpassen muss. Esoterische Annahmen werden aufgesaugt, das rationale Denken wird völlig unterdrückt, und der Hass auf die Bösen wird immer größer. Die Gruppe jener Bösen ist indes erstaunlich homogen: Es sind „die Reichen“, „die Mächtigen“, Großkonzerne, die Pharmaindustrie, Politiker, Illuminaten, Freimaurer, Bilderberger, Amerikaner, Juden und so weiter.

Einen Beleg für diese extrem wirkenden Behauptungen findet man in jedem Gespräch mit einem beliebigen Esoteriker. Man kritisiere sein Spezialgebiet – seien es Chemtrails (Kondensstreifen am Himmel, die in Wahrheit geheime Wirkstoffe sein sollen), sei es der Wassermotor, sei es die Behauptung, die Bundesrepublik existiere nicht, seien es Verschwörungstheorien zu den Anschlägen auf das World Trade Center – und man beobachte die Reaktion: Unter Vermeidung oder Leugnung von Fakten wird man einen Monolog präsentiert bekommen, der nicht nur das jeweilige Thema behandelt, sondern zumindest eine Verschwörung genannter Interessengruppen andeutet, wenn nicht gar ausführlich beschreibt.