Kommunisten, oder Sympathisanten des Kommunismus, gibt es erstaunlich viele. Es ist seit ’68 im linksintellektuellen Milieu durchaus schick, sich dem Kommunismus nahestehend zu fühlen. Aber auch ansonsten unpolitische Bürger scheinen dem Kommunismus ungewöhnlich stark angetan zu sein – zumindest dessen Theorie, denn gegen Kritik und einen tieferen Einstieg in die Diskussion wird gleich zu Beginn des Gesprächs, gleichsam als Nebensatz der Sympathiebekundung, konstatiert, dass der Kommunismus zwar die beste und gerechteste mögliche Gesellschaftsform, der Mensch aber zu fehlerbehaftet sei, um den Kommunismus erfolgreich umsetzen zu können. Kurz: Es liege am schlechten Mensch, dass der perfekte Kommunismus nicht funktioniere. Für den Menschen sei dagegen eine so ungerechte Gesellschaftsform wie der Kapitalismus viel angemessener. Diese oder eine ähnliche Immunisierung wird man von geschätzten 50 % der Bevölkerung zu hören bekommen, wenn man den Kommunismus anspricht.

Nun verwundert, dass sich so viele Menschen anscheinend intensiv mit kommunistischen Theorien auseinandergesetzt haben. Es bedarf durchaus einiger Anstrengung, Hegel und Marx, oder wenigstens einige gute Zusammenfassungen zu lesen, und ich wage zu bezweifeln, dass allzu viele Menschen ohne weitere philosophische Vorbildung verstehen, was ihnen dort mitgeteilt wird. Ich stelle also die gewagte These auf, dass die meisten Procommunistes einfach nur das nachplappern, was gerade hip und trendy ist. Die oben genannte Immunisierung (perfekter Kommunismus vs. fehlerbehafteter Mensch) sorgt dafür, dass man inhaltlich nicht weiter argumentieren muss. Ich bin mir ziemlich sicher, dass deutlich weniger Menschen dem perfekten Kommunismus nachweinen würden, wenn sie wüssten, worin er eigentlich besteht. Alle Gräueltaten, die im Namen des Kommunismus begangen wurden (und die bis heute weit über 100.000.000! Opfer gefordert haben), sind nicht durch ein lapidares “Der Mensch ist eben machtbesessen und brutal!” zu erklären. Nein, Brutalität und Grausamkeit sind ein elementarer Bestandteil des marxistischen Kommunismus! War es nicht Marx, der den ständigen Klassenkampf bishin zur klassenlosen Gesellschaft als universelles Prinzip propagierte? Und dieser Klassenkampf ist nicht als abstrakte, ahistorische oder metaphorische Idee gemeint, sondern als ein blutiges Schlachten um Leben und Tod.

Und hier kann man bereits ahnen, dass es interessante Parallelen gibt, vom angeblich so gerechten Kommunismus zu anderen totalitären Systemen. Armin Pfahl-Traughber stellt in seinem großartigen Aufsatz “Gemeinsamkeiten im Denke der Feinde einer offenen Gesellschaft. Strukturmerkmale extremistischer Ideologien.” (Aufklärung und Kritik 4/2010) in bester Tradition Poppers eine Auflistung verschiedener Strukturmerkmale zusammen, die Kommunismus, Rechtsradikalismus und religiösem Fundamentalismus gemein sind, als da wären:

  • Exklusiver Erkenntnisanspruch: Die Lehren des Systems enthalten die einzige Wahrheit.
  • Dogmatischer Absolutheitsanspruch: Die Grundprinzipien des Systems können nicht angezweifelt werden.
  • Essentialistisches Deutungsmonopol: Nur mithilfe des Systems lässt sich die Wahrheit komplett erkennen.
  • Holisitsche Steuerungsabsichten: Weil das System die Wahrheit gänzlich erkannt hat, muss es die komplette Kontrolle über die Gesellschaft besitzen.
  • Deterministisches Geschichtsbild: Die geschichtliche Entwicklung hat einen Sinn und ein Ziel und lässt sich durch die Lehren des Systems voraussagen und günstig beeinflussen.
  • Identitäre Gesellschaftskonzeption: Der Wert des Individuums steht unter dem Wert des Kollektivs.
  • Dualistischer Rigorismus: Die Anhänger des Systems sind gut, alle anderen sind böse.
  • Fundamentale Verwerfung: Die bestehende Ordnung muss kompromisslos und komplett ausgelöscht und durch das System ersetzt werden.
  • Ich sehe und verstehe in keiner Weise, wie eine Ideologie, das diese Punkte erfüllt, von jemandem mit klarem Verstand, als das “gerechteste und beste politische System” bezeichnet werden kann. Die einzige Erklärung dafür bestätigt meine These: Es wird einfach hohl nachgeplappert, was andere (vermutlich ebenso hohl) vorausplappern. Und weil man als intellektueller Linker nicht den tumben Nazis hinterherlaufen kann, nimmt man eben den Kommunismus her – dasselbe Gespenst, nur in einem anderen Kleid.