Gut und Böse

March 23rd, 2013

Filme, Computerspiele, Bücher – die gesamte Unterhaltungsindustrie drückt den kollektiven Wunsch der Rezipienten nach einer klaren Unterscheidung von Gut und Böse aus. Einleuchtend allemal, reduzierte es doch die Komplexität der Welt beträchtlich, gäbe es eindeutige moralische Kategorien, an denen man Denken und Handeln bewerten könnte. Jahrhundertelang existierten solche Bewertungssysteme, die zwar nicht universell gültig waren, aber den unaufgeklärten Menschen zumindest universell vorkamen: Im Stammesverband waren es vielleicht die undefinierten “anderen”, die nicht zur eigenen Gruppe gehörten, später waren es dann die “Ungläubigen”, irgendwann die “feindlichen Nationen”, die “Untermenschen”, die “minderwertigen Rassen”, nicht zuletzt und erstaunlich konstant: Die Juden. Sie alle verkörperten für bestimmte Gruppen das Böse. Und wie erwähnt, erleichterte diese harte Trennung von Gut und Böse das Leben immens: Entscheidungen und Handlungen jeder Art konnten damit gerechtfertigt werden, dass sie doch dem Bekämpfen des Bösen dienten und so dem Guten zugute kämen. Selbst die industrielle Vernichtung von 6.000.000 Juden rechtfertigten die Nazis mit der Aussage, spätere Generationen würden den eigentlichen Wert dieser Handlungen verstehen: Die Ausrottung des Bösen in Form der Juden.

Heute sind wir natürlich weiter. Die ernsthafte Nutzung der Worte “Gut” und “Böse” ist hierzulande kaum mehr möglich, und spricht ein George W. Bush von der “Achse des Bösen”, so wird in Europa direkt an seiner Zurechnungsfähigkeit gezweifelt. Die Begründung für die Aufgabe des Dualismus von Gut und Böse ist simpel und sollte bekannt sein: Jeder Mensch hat individuelle (und nicht zuletzt kulturelle) Gründe dafür, so zu handeln wie er handelt, deshalb bewertet jeder Mensch seine eigenen Intentionen und Handlungen, und jene anderer Menschen, die seine Intentionen und Handlungen unterstützen, als “gut”. Intentionen und Handlungen, die seinen zuwiderlaufen, sind für ihn dagegen “böse”. Daher dürfe man den Kannibalen nicht verurteilen, wenn er den Touristen verspeist, den “gemäßigten Islamisten” nicht, wenn er ein Vergewaltigungsopfer steinigt, den durchschnittlichen Ugander nicht, wenn er die Todesstrafe für Homosexuelle unterstützt, den abergläubischen Nigerianer nicht, wenn er eine vermeintliche Hexe ermordet, und auch den Ostafrikaner nicht, wenn er einen Albino massakriert, dessen angeblich magische Extremitäten auf dem Schwarzmarkt enorme Summen einbringen. Die einzige kritikwürdige Gesellschaft scheint “der Westen” zu sein: Er sei doppelzüngig, “eurozentristisch”, anmaßend und im Grunde doch irgendwie für das gesamte Elend auf der Welt verantwortlich. Und am allerschlimmsten sei die “selbsternannte Weltpolizei” USA! Diese Ansicht scheint heute weitgehend Konsens zu sein, zumindest im eher linksgerichteten Bildungsbürgertum.

Symptomatisch für ein solches Weltbild ist die konsequente Ablehnung der Realität. Es wird so lange theoretisiert und die Wirklichkeit zurechtgebogen, bis die eigene Ansicht endlich vertretbar ist und logisch erscheint. Kritische Anmerkungen werden daher im Regelfall auch nicht inhaltlich diskutiert, sondern mit Empörung (“Wie kannst Du nur.. !”, “Jeder weiß doch, dass.. !”) abgeschmettert. Dieselbe Reaktion kann man provozieren, indem man den Irrsinn auf den Punkt bringt und nachfragt, ob denn tatsächlich ein Mord durch Subjektivismus gerechtfertigt werden kann. Weniger helle Köpfe werden das Gespräch entrüstet abbrechen, Schlauere werden relativieren und um den heißen Brei herumreden. Das Ergebnis ist dasselbe: Beide wollen sich der Wirklichkeit nicht stellen.

Nun, welche Alternativen kann es aber geben? Zunächst muss festgestellt werden, dass dieser Kulturrelativismus durchaus einen wahren Kern besitzt: Es ist völlig korrekt, dass jeder Mensch für seine Taten einen Grund hat, und dass ihm zum Zeitpunkt der Handlung diese als bestmögliche erschien. Das ist aber eine reine, deskriptive (also nichtwertende) Feststellung. Die Kulturrelativisten begreifen sie aber normativ, das heißt, weil diese Struktur menschlichen Handelns existiert, muss sie gut sein – ein klassischer naturalistischer Fehlschluss, dessen Grundzüge bereits vor rund 250 Jahren vom großen David Hume enttarnt worden sind. Wenn man nun aber in eine andere Richtung weiterdenkt und hinterfragt, weshalb der Mensch so handelt, wie er handelt, so erreicht man alsbald die Erkenntnis, dass jedes menschliche Handeln der Leidvermeidung, oder positiv: der Lustmaximierung, dient. Hier existiert also eine Konstante, die für alle Menschen – gar für alle Lebewesen – gleichermaßen gilt. Daraus ein ethisches Modell abzuleiten, liegt tausendmal näher, als das völlig unsinnige kulturrelativistische Konstrukt. Wie sieht dieses Modell nun aus? Zusammengefasst besagt es, dass gut ist, was Leid vermeidet und Lust bringt, und dass böse ist, was Leid bringt und Lust vermeidet – sei es bei sich selbst, oder bei einem anderen Menschen. Und ja, dieses Modell rechtfertigt sogar militärische Interventionen, denn wenn durch die Tötung von 1.000 Menschen das Leben von 10.000 Menschen gerettet werden kann, liegt eine moralische Rechtfertigung nach diesem Modell vor. Leider, und das muss einschränkend gesagt werden, weiß man im Voraus nicht, wie viele Opfer ein Krieg tatsächlich fordern wird und wie viele Leben er tatsächlich rettet. Somit wird die Nützlichkeit von militärischen Interventionen stark relativiert, ist aber grundsätzlich durchaus gegeben. Ebenso gegeben und völlig gerechtfertigt ist die Bezeichnung von Terroristen als “böse”, da ihre einzige Auswirkung ist, Leid zu verursachen.

Anmerkung:
Es scheint ein gewisses Unverständnis der Begriffe “Leid” und “Lust” zu geben, daher eine kurze Erläuterung, wie sie hier zu verstehen sind: “Leid” meint nicht unbedingt den physischen Schmerz – manche Menschen sind dazu in der Lage, durch Schmerz (sexuelle) Lust zu empfinden. Es meint vielmehr das schlechte Gefühl, die Furcht, die Hoffnungslosigkeit, die Verzweiflung, die Depression, in den meisten Fällen auch den Schmerz, und so weiter. “Leid” ist ein abstrakter, nichtkörperlicher Begriff, der all das umfasst, was sich negativ auf das individuelle, unmittelbare Befinden auswirkt. Als solcher ist er der Gegenbegriff zur ebenso abstrakten “Lust”, die sich nicht auf die sexuelle Lust beschränkt, sondern all das bezeichnet, was sich positiv auf das individuelle, unmittelbare Befinden auswirkt. Gemeint sind also auch ganz profane Aktivitäten, wie etwa das Stillen von Durst.
Jedes Lebewesen strebt nach Lust und vermeidet Leid. Es handelt sich hierbei um eine evolutionäre Funktion, die dazu dient, den Reproduktionserfolg zu maximieren. Ein Lebewesen ohne diese elementare Funktion würde etwa seinen Durst nicht stillen, es würde nicht um sein Leben rennen, wenn ein Angriff von einem Räuber droht, es würde sich nicht fortpflanzen – es wäre ganz und gar antriebslos. Ein solches Lebewesen wäre geradezu paradox und vielleicht überhaupt kein “Lebewesen” im eigentlichen Sinne.