DER UNTERSCHIED ZWISCHEN WISSENSCHAFTLICHER UND AKADEMISCHER ARBEITSWEISE

Es gibt einen Unterschied zwischen wissenschaftlicher Arbeitsweise und akademischer Arbeitsweise, wenngleich die beiden Begriffe gerade von Vertretern der akademischen Zunft gern synonym verwendet werden. Dabei ist diese Gleichsetzung im Grunde ein Produkt akademischer Hybris, denn die jeweiligen Definitionen beider Begriffe sind auf völlig anderen Ebenen angesiedelt. Beiläufig eine Definition von wissenschaftlicher und akademischer Arbeitsweise zu formulieren wäre dagegen ein Produkt meiner höchsteigenen Hybris, dennoch möchte ich versuchen, genannten Unterschied in Ansätzen herauszustellen.

Der grundlegende Unterschied, wie bereits angedeutet, sind die verschiedenen Ebenen, auf denen sich beide Begriffe bewegen: Die Akademische Arbeitsweise basiert auf der wissenschaftlichen Arbeitsweise, das heißt erstere kann ohne letztere nicht existieren, letztere ohne erstere dagegen schon. Um zu begreifen, wie die akademische Arbeitsweise aussieht, müssen wir also zunächst die allgemeinere wissenschaftliche Arbeitsweise verstehen. Die Definition von Wissenschaft ist indes so komplex, dass sich ein eigener Teilbereich in der Philosophie zu diesem Thema gebildet hat – die Wissenschaftsphilosophie.
Ich möchte mich im Folgenden auf Karl Popper beziehen, dessen Wissenschaftstheorie zumindest in ihren Grundzügen heute immer noch mehr oder weniger anerkannt ist. Die Essenz dieser Theorie ist nachfolgende Aussage: Ein Satz ist dann wissenschaftlich, wenn er falsifizierbar ist. Etwas verständlicher ausgedrückt bedeutet dies, dass jede Aussage nachprüfbar sein muss, wenn grundsätzliche wissenschaftliche Kriterien erfüllt sein sollen. Ein paar Beispiele: Die These, dass Benzin unter bestimmten, exakt definierten Bedingungen entflammt, ist nachprüfbar, somit ist diese These wissenschaftlich – unabhängig davon, ob sie tatsächlich stimmt! Die These, dass Benzin sich unter der Einwirkung Gottes zu Gold verwandelt, ist dagegen nicht nachprüfbar (wie sollte man Gott auch zur Mitarbeit überreden?) und somit nicht wissenschaftlich.
Hätte es Popper allerdings bei dieser Minimaldefinition belassen, wäre er schon bald des Positivismus bezichtigt worden (er wurde es aufgrund der Unkenntnis seiner Theorie dennoch, aber das soll hier nicht das Thema sein). Radikale Positivisten (zu denen Popper nicht gehört) verneinen die Existenz von nicht-wahrnehmbaren (nicht-positiven) Dingen. Die Wirklichkeit zeigt allerdings, dass wissenschaftliche Erkenntnis oftmals aus reiner Spekulation heraus entsteht – die Atomtheorie etwa wurde formuliert, bevor die Möglichkeit bestand, zu überprüfen, ob Atome tatsächlich existieren. Wie steht nun Popper dazu? Er erkennt die Wichtigkeit von Spekulation an, nimmt sie allerdings aus der Wissenschaft heraus. Er nennt die Spekulation Metaphysik, wobei man zwischen plausibler und nicht-plausibler Metaphysik unterscheiden muss (Popper nutzte diese Bezeichnungen nicht, aber sie drücken sehr gut aus, was er meinte). Ein Beispiel für nicht-plausible Metaphysik wäre der christliche Glaube – es ist höchst unwahrscheinlich, dass die christliche Lehre irgendwann wissenschaftlich verifiziert wird, denn weder ist sie in sich logisch, noch gibt es irgendwelche Hinweise, die dafür sprechen. Plausible Metaphysik ist dagegen etwa die bereits genannte Formulierung der Atomtheorie gewesen: Sie war vielleicht nicht gänzlich korrekt, aber sie war plausibel, logisch aufgebaut und viele der Vermutungen trafen, wie man heute weiß, tatsächlich zu (natürlich gab es nicht nur eine Atomtheorie, der Verständlichkeit halber wird aber hier im Singular gesprochen). Diese plausible Metaphysik kann äußerst hilfreich sein für die Wissenschaft, da sie weniger eingeschränkt ist – auch Popper sah das so. Die nicht-plausible Metaphysik dagegen hat mit Wissenschaft nichts zu tun und muss als solche entlarvt und dorthin verwiesen werden, wo sie hingehört und keinen Schaden anrichten kann: In das Reich der Märchen und Geschichten. Daher gehört zu einer weiten Definition von Wissenschaft auch die plausible Metaphysik (Popper bevorzugte eine enge Definition, was aber an seinen Ansichten nichts ändert).
Für unsere Minimaldefinition von Wissenschaft sollte noch ein dritter Punkt angesprochen werden: Die Wahrheitsfrage. Nach Popper gibt es eine absolute Wahrheit, also eine völlig objektive Wirklichkeit – der Mensch kann sie aber nie finden, oder besser: Selbst wenn er sie findet, wird er nie sicher sein, ob es sich tatsächlich um die Wahrheit handelt. Mit der Falsifikationsmethode, also mit der beharrlichen Überprüfung aufgestellter Thesen und Theorien und mit dem konsequenten Verwerfen falscher Thesen und Theorien, kann der Mensch sich aber an die Wahrheit immer weiter annähern. Die plausible Metaphysik kann dabei ein wichtiger Impulsgeber sein.
Es lassen sich also drei Punkte nennen, die eine Minimaldefinition von Wissenschaft ergeben:
(1) Falsifizierung ist die Basis wissenschaftlichen Arbeitens.
(2) Plausible Metaphysik kann der Wissenschaft wertvolle Impulse geben.
(3) Eine absolute Wahrheit existiert, man kann sich ihr aber nur durch die Falsifikationsmethode annähern.
Unvollständig, dafür in einem Satz: Konkrete Aussagen müssen falsifizierbar, Vermutungen müssen plausibel sein.

Kommen wir nun zur akademischen Arbeitsweise. Diese basiert, wie gesagt, auf der Wissenschaft und befolgt somit die drei Punkte, die wir als deren Minimaldefinition herausgearbeitet haben. Darüber hinaus hat sich aber ein riesiges Sammelsurium an Regeln angehäuft, die befolgt werden müssen, möchte man am akademischen (und im Selbstverständnis der Akademiker eben auch am wissenschaftlichen) Diskurs teilnehmen. Viele Regeln können von Fach zu Fach verschieden sein, einige Grundregeln sind jedoch immer gleich, insbesondere die folgende: Unabhängiges Denken und Arbeiten ist verboten. Möchte man sich akademisch mit einem Thema befassen, so müssen zumindest die Standardwerke gelesen werden. Verfasst man dann einen Text, so müssen die bereits vorhandenen Theorien genannt und auf diese muss aufgebaut werden – das geschieht durch mühsame und minutiöse Zitierung. Im Laufe der Zeit führte diese Regel dazu, dass die Themen und Arbeiten dazu immer spezieller und kleiner wurden, da große, grundlegende Themen bereits abgehandelt waren und man sich auf diese beziehen musste. Das hat natürlich seinen Sinn – das Rad wird nicht mit jedem Text neu erfunden. Innerhalb des akademischen Diskurses ist dieses Regelwerk ein mächtiges Werkzeug, um kontinuierlichen Fortschritt zu ermöglichen. Die plausible Metaphysik indes wurde fast komplett ausgeschlossen. Dies wäre wenig schlimm, würden die Akademiker nicht die gesamte Wissenschaft für sich vereinnahmen, denn durch diesen Anspruch, durch die implizite Behauptung, Wissenschaft sei Akademie, und Akademie sei Wissenschaft, wird die plausible Metaphysik nicht nur von der Akademie, sondern auch von der Wissenschaft ausgeschlossen – die Folgen sind offensichtlich: Die wertvollen Innovationen der plausiblen Metaphysik existieren nicht mehr.
Was wissenschaftliche Standards angeht, so sind diese verschieden von den akademischen: Konkrete Aussagen müssen falsifizierbar, Vermutungen müssen plausibel sein. Diese Standards nehmen eine viel wichtigere Unterscheidung vor, als die akademischen Standards hinsichtlich der Wissenschaft – sie trennen Wissenschaft von nicht-plausibler Metaphysik; von Esoterik und Religion, von Wunderheilern und Astrologen, von Fantasy und Science Fiction, von Täuschern und Betrügern und so weiter. Da aber der akademische Diskurs geschlossen ist und außer über die kaum hilfreiche Populärwissenschaft kein Kontakt zwischen ihm und dem Laien besteht, sucht dieser die Wahrheit bei jenen dubiosen Institutionen und Gestalten, die der nicht-plausiblen Metaphysik huldigen. Kein aufrichtiger Intellektueller wird behaupten (im Gegensatz zu den nicht-plausiblen Metaphysikern), die Wahrheit gefunden zu haben. Und kein aufrichtiger Intellektueller wird behaupten, seine Theorien seien die einzig korrekten.