EINLEITUNG

In einer kleinen Reihe möchte ich den Unterschied zwischen wahrheitssuchendem und wahrheitsvortäuschendem Denken, also zwischen Wissenschaft und Esoterik, eruieren. Die Esoterik hat Hochkonjunktur in unseren Tagen. Und das ist trotz dem augenscheinlichen Gegensatz von moderner, höchst technisierter und verwissenschaftlichter Alltagswelt und unwissenschaftlicher Esoterik leicht zu erklären: Ebendiese verwissenschaftlichte Alltagswelt ist enorm komplex. Alles ist ins letzte Detail erklärbar, aber alles ist auch anzweifelbar, und man muss im Internet nicht lange suchen, um jedes sicher geglaubte Wissen in Frage gestellt zu bekommen.

Nun sorgt zunächst die hohe Komplexität dafür, dass viele Menschen viele Dinge einfach nicht verstehen, weil ihnen die Zeit oder das nötige Vorwissen fehlt, sich mit jenen Dingen näher auseinanderzusetzen. Dennoch ist der Mensch naturgemäß ein neugieriges Wesen, und so sucht er nach Erklärungen für alle Phänomene – auch für die, die er nicht versteht. Nun kommt der zweite Faktor ins Spiel: Die Relativität des sicher geglaubten Wissens. Wissen ist relativ – Theorien von heute können morgen schon überholt sein, und das ist allgemein bekannt. Das Internet bietet nun jenen Personen ein Plattform, die sich die Komplexität der Welt und die Relativität des Wissens zunutze machen: Sie bieten simple Lösungen für komplexe Probleme. Und der Mensch, der eben nicht nur neugierig, sondern auch faul (evolutionsbiologisch würde man wohl eher “nutzenmaximierend” sagen) ist, wird von solchen angeblichen Lösungen wie magisch angezogen, und so bahnt sich die moderne Esoterik ihren Weg in der Gesellschaft. Das so erlangte “Insider-Wissen” (es weicht ja schließlich ab vom “Mainstream-Wissen”) bietet zudem noch einen kleinen Ego-Schub: Man bezeichnet sich als “Freidenker”, “kritischer Geist”, “Skeptiker” oder “Aufklärer” und kontradiktiert damit die eigentliche Bedeutung dieser schönen Begriffe.

Allerdings ist es gar nicht einfach, Wissenschaft von Esoterik zu unterscheiden. Denn die Akademie, also die institutionalisierte Wissenschaft (wie sie an Universitäten oder anderen Einrichtungen betrieben wird), kann bisweilen durchaus esoterische Züge annehmen. Dagegen kann auch eine Einzelperson, die eine Universität noch nie von innen gesehen hat, ebenso wissenschaftlich denken, wie ein Harvard-Professor. Im folgenden Part soll also die folgende Frage behandelt werden: Was ist wissenschaftliches Denken, und wie unterscheidet es sich vom akademischen Arbeiten? Das kurze Essay stammt in weiten Teilen aus meinem in Arbeit befindlichen Buch . In weiteren Teilen soll dann näher auf das Wesen der Esoterik eingegangen werden, sowie auf deren Autoren, Medien und Rezipienten. Außerdem soll in aller Kürze die Sonderstellung der Populärwissenschaft und des Journalismus beleuchtet werden.