Pressefreiheit in den USA, pt.1

December 26th, 2012

Zu Weihnachten kommt die Familie zusammen, das ist sehr schön. Weniger schön sind die politischen Diskussionen, die aus der Mischung von vielen Menschen, allgemeinem Mitteilungsbedürfnis, deutscher Unzufriedenheit und Alkohol erwachsen. Im Grunde sind es normalerweise nicht einmal “Diskussionen”, denn die Meinungen sind erstaunlich einhellig: Man ist sich darüber einig, dass alle Politiker Schweine sind, Amerika der Satan und der Kapitalismus das Verderben der Menschheit ist. Vermutungen werden plötzlich zu Fakten und seit Jahren oder Jahrhunderten widerlegte Verschwörungstheorien werden als Wahrheiten dargestellt. Dabei fühlt man sich ganz furchtbar revolutionär und politisch, scheint man sich doch gegen den unaufgeklärten, leichtgläubigen Mainstream zu stellen. Dass man in Wirklichkeit nur die ewig hohlen Phrasen des tatsächlichen Mainstreams wiedergibt, ist niemandem bewusst; dabei bedarf es hierzulande – frei nach Emma Finkelstein – um Amerika zu kritisieren etwa so viel Mut, wie beim Bäcker Brötchen zu holen.

Um etwas konkreter zu werden: Ich hörte mir einiges kommentarlos an, denn ich habe meine Familie sehr gern und wollte die weihnachtliche Harmonie nicht stören. Zudem weiß ich mittlerweile aus Erfahrung, dass Widersprüche nur zu Wutausbrüchen der Gegenseite führen, denn an Argumentation ist niemand interessiert. Man glaubt, was man glaubt, und möchte sich nicht kritisch hinterfragen (man “hinterfragt” nur alles andere “kritisch”). Als nach ewigem Geschimpfe auf verantwortungslose Manager (die ich auch gern kritisiere, allerdings suche ich nach Lösungen, das ist natürlich nicht gern gesehen; echte Revolutionäre vernichten das herrschende System, sie beteiligen sich natürlich nicht konstruktiv daran) die Sprache dann aber auf die Pressefreiheit in den USA kam, musste ich doch Partei ergreifen. Genauer ging es um den zu erwartenden wirtschaftlichen Aufschwung in den Staaten, ermöglicht durch die riesigen Ölressourcen, die dort bald erschlossen werden können. Das Vorhandensein dieser Ölvorkommen wurde als Propagandalüge(!) bezeichnet, da in den USA ohnehin die CIA das Sagen hätte. Gerade, als man sich wieder in Meinungseinheit zunickte, meldete ich fundamentale Zweifel an. Die Reaktion war ein abruptes Ende der gegenseitigen Bestätigung und ungläubige Blicke in meine Richtung, die in hilflosem Gelächter mündete. Ich machte dann den Fehler und führte nur eine kleine Argumentation an (die erste Argumentation in der gesamten “Diskussion” überhaupt). Kurz gefasst führte ich an: Solange es in den USA zwei politische Parteien mit unterschiedlichen Zielen gibt, die sich gegenseitig, auch mittels Parteimedien, bekämpfen, ist eine einheitliche, landesweite “Propaganda” unmöglich. Natürlich ist das nicht das beste Argument, aber es war das erste, was mir in den (durch Alkohol etwas vernebelten) Sinn kam. Und es war mehr als ausreichend, um das ganze Gerede mit einem Satz zu widerlegen. Anstatt die Niederlage anzuerkennen oder gar ihrerseits zu argumentieren, wurden natürlich ad-hominem-Angriffe geführt – nicht, dass ich etwas anderes erwartet hätte.

Jedenfalls möchte ich nun die Gelegenheit nutzen, die Behauptung, in den USA sei die Pressefreiheit so massiv eingeschränkt, dass man von Propaganda sprechen könne, umfassend zu widerlegen. Zunächst ganz einfach empirisch, in einem zweiten Teil dann logisch-argumentativ. In einem dritten Teil soll dann die Gegenseite selbst analysiert werden: Wieso hasst der Deutsche Amerika? Ein interessantes Thema!

Die empirische Widerlegung ist so eindeutig, dass sie im Grunde ausreicht. Aber ich höre schon die “Argumente” der “kritischen” “Denker”: Die Daten seien gefälscht! Sie seien ein Produkt der Propaganda! Sie seien keine Widerlegung sondern eine Bestätigung ihrer paranoiden antiamerikanischen Wahnwelt! Natürlich ist es Unsinn, aber ich habe gerne Recht, daher Teil 2. Nun aber in aller Kürze die empirische Widerlegung:

Die Vereinigten Staaten von Amerika befinden sich auf der Rangliste der Pressefreiheit (Reporter ohne Grenzen). Das klingt nach einem eher schlechten Platz, aber wenn man sich die Punkteverteilung ansieht, wird klar, dass sich die USA (14,0 Punkte, Platz 47; je mehr Punkte, desto weniger Pressefreiheit) nur marginal von höher platzierten Ländern, etwa Deutschland (-3,0 Punkte, Platz 16) unterscheidet. Unfreie Länder dagegen haben eine wirklich schlechte Wertung, etwa Iran (136,0 Punkte, Platz 175) oder Nordkorea (142,0 Punkte, Platz 178). Der Freedomhouse-Report zur Pressefreiheit 2012 zeichnet ein ähnliches Bild: Die USA hat 18 Punkte (je mehr Punkte, desto weniger Pressefreiheit), Deutschland 17. Beide Organisationen sind NGOs.

So weit, so gut – mehr im nächsten Teil. Nur eins noch. Sollte einer der Betroffenen diesen Blogpost lesen: Nimm es mir nicht übel! Nichts von alledem hier ist persönlich gemeint. Aber wer radikale Meinungen vertritt, muss radikale Antworten ertragen. Da aber eine argumentative, emotionslose Diskussion face-to-face offensichtlich nicht gewünscht ist, wähle ich eben diesen Weg.

In diesem Sinne: Fröhliche Weihnachten!
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