Wirklichkeiten sind nie identisch mit der Wahrheit, und die Wahrheit ist unmöglich erreichbar – das sind erkenntnistheoretische Binsenweisheiten. Allerdings besteht das wissenschaftliche Ideal darin, Wirklichkeiten zu entdecken, die möglichst nahe an die Wahrheit herankommen. Viele Wirklichkeiten erlangt man aber nicht durch die Wissenschaft, sondern durch andere, sehr viel fehleranfälligere Quellen: Die induktiv verarbeitete persönliche Erfahrung, “hörensagen”, und nicht zuletzt durch massenmediale Kommunikation. Hier ist die TV-Dokumentation als besonders schwarzes Schaf zu nennen: Sie versteht es wie keine andere, dem Rezipienten eine Wirklichkeit zu präsentieren, die zugleich höchst ideologiegetränkt und einseitig, aber auch perfekt als objektive Wahrheit getarnt sein kann. Diese Tarnung kann aber auffliegen, etwa wenn die Übersetzung völlig andere Sinngehalte hat, als der Originalton.

So mir aufgefallen bei der deutschen Übersetzung von “War Tapes – Die Nationalgarde im Irak”, einer Dokumentation, die von den Soldaten selbst gefilmt wurde, und deren Originalton im Hintergrund zu hören ist. Mir fielen etliche Stellen auf, die folgende steht aber repräsentativ für den Rest:
O-Ton: “Funny little kids, in the middle of the warzone [unverständlich] get bad as they get older like many of them do.”
Deutsche Übersetzung: “Lustige Schulkinder, mitten im Kriegsgebiet. Kann man nur hoffen, dass sie nicht so bösartig werden, wie die meisten von ihnen, wenn sie groß sind.”
Wo ist der Unterschied? “Many” gegen “die meisten”. Der Soldat meinte, dass VIELE der Kinder später böse werden. Die deutsche Übersetzung impliziert, er meinte, dass DIE MEISTEN der Kinder später böse werden.
Kein Grund, darüber einen ganzen Artikel zu verfassen? Im Gegenteil! Der Unterschied der Übersetzung zum Original mag minimal sein, aber sie eröffnet den Raum für enorme Spekulationen. Zunächst die Frage: Was wird mit dieser Fehlübersetzung erreicht? Der amerikanische Soldat wird undifferenziert und stereotyp denkender präsentiert, als er es tatsächlich ist. Und genau das passt zum stereotypen “Ami”, der mal eben wegen dem Öl [sic!] und dem Krieg und sowieso .. wir kennen alle das übliche Gerede. Der Unterschied zwischen “viele” und “die meisten” ist nicht groß, aber er ist vorhanden. Viel interessanter ist aber die Frage: Wieso die Falschübersetzung? Ein Übersetzungsfehler? Niemals! “Many of them” ist so eindeutig mit “viele von ihnen” zu übersetzen, dass an einen Fehler nicht zu denken ist (die korrekte Übersetzung für “die meisten von ihnen” wäre indes “most of them” gewesen) – die Falschübersetzung war also gewollt.
Ich rede hier nicht von konfusen Verschwörungstheorien. Ich glaube nicht, dass irgendein amerikafeindlicher Führungszirkel marginale Falschübersetzungen anweist. Ich glaube schlicht, dass sich die amerikafeindliche Mentalität in Deutschland eben auch durch gewollte Falschübersetzungen ausdrückt; “mal zeigen, wie die Amis wirklich sind!” oder “mal etwas drastischer formulieren, hat der blöde Ami bestimmt eh gedacht!”.