Mensch, Natur und Evolution

October 15th, 2012

Im Zusammenhang mit sog. Zivilisationskrankheiten und anderen Problemen, die für den Menschen durch die Moderne entstehen, wird aus gewissen Kreisen immer wieder verlautbar, dass der Mensch keine Rücksicht auf seine Natur lege, dass er sich von seiner Natur entartet habe, dass er nicht mehr naturgemäß lebe. Diese Aussagen sind, abgesehen vom mitschwingenden Pathos, nicht grundsätzlich falsch, wie gleich erörtert werden soll. Zunächst aber darf nicht fehlen, was dieselben Kreise ganz selbstverständlich aus diesen Feststellungen für Schlüsse ziehen: Der Mensch müsse zurück zur Natur finden, er müsse dem modernen, schädlichen Leben entsagen – anders gesagt: Das moderne Leben sei grundfalsch. Das einzig Grundfalsche sind aber jene haarsträubenden Schlüsse. Es ist ein logisches Paradigma, dass aus Sein kein Sollen geschlossen werden kann, anders gesagt: Nur weil etwas ist, ist es nicht automatisch gut. Konkret: Nur weil die Natur dem Menschen ein anderes Leben versucht zu diktieren, muss es nicht der richtige Weg sein, diesem Diktat zu folgen.

Es ist in weiten Teilen der Gesellschaft der Glaube verankert, die Natur sei “gut”. Dieser Glaube basiert auf romantischen Vorstellungen über die Natur, welche erst vor wenigen hundert Jahren entstanden. Tatsächlich ist die Natur von sich aus weder “gut”, noch “böse”, denn moralische Kategorien konnten erst mit dem Menschen entstehen. Wenn ein Meteoriteneinschlag oder ein Atomkrieg alles Leben auf der Erde vernichtet, stört sich nur der Mensch daran. Was wir sehnsüchtig-romantisierend als “Natur” bezeichnen, ist das Resultat eines nach menschlichen Maßstäben grausamen Mechanismus: Der Evolution. Die Evolution kennt kein Gut und Böse, sie kennt kein Mitgefühl, sie kennt überhaupt keine Gefühle. Ihr einziges Wirken ist das Aussondern des Ungeeigneten, und dieses Aussondern kann äußerst brutal vor sich gehen.

Der Mensch hat sich nun in weiten Teilen der Evolution am eigenen Leib entsagt: Medikamente und andere Therapien heilen Krankheiten, Staaten zügeln das menschliche Temperament, technologischer Fortschritt verbessert den Menschen über alle Maße. Daraus wird auch klar, weshalb der populäre Ausruf “Zurück zur Natur”, also zurück in die Klauen der Evolution, absoluter Unsinn ist: Der Mensch hat zwar Probleme, die durch das moderne Leben hervorgerufen werden, aber verglichen mit den Problemen, die ihm die Evolution bereiten würde, verließe er den Schutzbunker der Zivilisation und träte er hinaus in den ungezügelten, ewigen Bombenhagel der Evolution, ist das moderne Leben ein gottgleicher Segen. Um das zu belegen, genügt es, die durchschnittliche Lebensdauer eines Menschen heute mit jener vor einigen tausend Jahren zu vergleichen.

Nun wurde aber zu Beginn gesagt, die Entsagung von der Evolution bereite dem Menschen gewisse Probleme. Ein gewaltiges und tatsächlich kaum zu übersehendes Problem ist die Zunahme der Fettleibigkeit überall dort, wo Wohlstand herrscht. Der Mensch ist evolutionär auf ein Leben im Nahrungsmangel angepasst. Sein Körper ist darauf ausgelegt, zu essen, sobald Nahrung verfügbar ist, und diese Nahrung effektiv zu verarbeiten. Wenn der akute Hunger gesättigt ist, wird überschüssig aufgenommene Nahrung nicht unverdaut ausgeschieden, sondern in Fett gespeichert, sodass in Notzeiten nicht der sofortige Hungertod droht. Die schrittweise Befreiung des Menschen aus der Evolution hatte zwei Folgen, die zu vielen heutigen Problemen führte:
1) Der Mensch erschaffte sich einen Lebensraum, der so viel Leid wie möglich von ihm nahm – dazu gehört auch Nahrung im Überfluss.
2) Die Evolution wirkt nur noch schwach auf den Menschen, sodass eine Anpassung an heutige Lebensumstände kaum erfolgen kann – Kranke und Behinderte etwa werden (zum Glück!) nicht ausgesondert, sondern ihnen wird geholfen.

Daraus aber den Umkehrschluss abzuleiten, es wäre gut und richtig, “zurück zur Natur” zu finden, ist, wie wir gesehen haben, hanebüchener Unsinn! Gut und richtig ist dagegen, den Verstand und den freien Willen zu nutzen, um sich nicht hemmungslos an den Vorzügen der Moderne zu ergötzen, ohne die möglicherweise schädlichen Konsequenzen zu sehen. Der Mensch sollte die ethische Richtung beibehalten, die er – dessen unbewusst – einschlug, als er sich als einziges Wesen auf der Erde gegen die Evolution, gegen die Natur stemmte: Die Minimierung von Leid.