Es gibt eine kleine Gruppe von Menschen, welche die Glaubensfrage nicht etwa mit “An Gott!” oder “An Allah!” beantwortet, sondern mit “An die technologische Singularität.”. Was verbirgt sich hinter diesem seltsam anmutenden Satz? Der Glaube an die technologische Singularität (kurz: einfach nur “Singularität”) unterscheidet sich grundlegend von allen anderen Glaubenssystemen, und zwar so weit, dass dahinter nicht einmal eine Religion steckt. Dennoch beschreibt der Begriff Glaube die Beziehung jener Menschen zur Singularität sehr gut: Sie hoffen auf die Erlösung. Jedoch nicht auf Erlösung im religiösen, sondern im rein technischen Sinn. Dabei ist ihre Argumentation, ihr Glaubenssystem, für Nicht-Gläubige weder unbegreiflich noch unglaubwürdig, sondern zwar sehr fantastisch, dabei aber durchaus plausibel und logisch. Worum geht es also?

Betrachtet man die Entwicklung der Menschheit, so fällt auf, dass sie zunächst sehr langsam vor sich ging, aber in den letzten Jahrhunderten immer schneller an Fahrt aufnimmt. Aus dieser Feststellung wird ein Gesetz abgeleitet, das besagt, dass der wissenschaftliche Fortschritt exponentiell zunimmt. In einfachen Worten: Die Geschwindigkeit(!) der Entwicklung der Menschheit nimmt immer mehr zu. Das wiederum bedeutet, dass große Innovationen in immer kürzeren Abständen erfolgen. Auf Computerelektronik bezogen heißt dieses Gesetz “Moore’s Law” und wurde unabhängig von der Singularität schon vor einigen Jahrzehnten aufgestellt und von der Realität mittlerweile mehr als bestätigt. Was ist nun aber die Singularität?

Wenn der technische Fortschritt, so die Singularisten, den Punkt erreicht hat, an dem Computer das menschliche Gehirn komplett simulieren können, werden sie ein Bewusstsein entwickeln, und, was noch viel wichtiger ist: Computer werden sich selbst verbessern, und das in einer Geschwindigkeit, die der Mensch nicht mehr erfassen kann. Ab diesem Zeitpunkt (der schon sehr bald erreicht sein könnte), ab der technologischen Singularität, werden in kürzester Zeit alle akuten Probleme der Menschheit behoben sein. Selbst der Tod wird keine Gefahr mehr darstellen, da der Mensch durch Genetik, Computertechnologie und Nanotechnologie unsterblich wird.

Es klingt, wie gesagt, fantastisch. Zu fantastisch, um wahr zu sein. Aber nüchtern betrachtet könnte es tatsächlich zu dieser Entwicklung kommen – es könnte, muss aber nicht zwangsläufig. Und das ist der Punkt, an dem sich viele Singularisten von religiösen Gläubigen unterscheiden: Diese glauben, indem sie fest davon überzeugt sind, dass ihre Religion die Wahrheit verkündet und lassen keine andere Vermutungen zu. Jene glauben, indem sie hoffen – sie hoffen, dass eine durchaus plausible und logische Zukunft tatsächlich eintritt.

Natürlich gibt es viele Einwände: Was, wenn sich die Menschheit vor dem Erreichen der Singularität selbst vernichtet? Was, wenn Computer kein Bewusstsein entwickeln können? Was, wenn selbst-bewusste Computer sich gegen die Menschen wenden? Und noch viele mehr. Die Thesen der Singularisten sind aber in jedem Fall plausibler und logischer als jede Religion der Welt, und ich hoffe lieber auf die Singularität, als blind in ein Glaubenssystem zu vertrauen, dessen einzige Stütze irgendwelche Erzählungen sind.