Geplante Obsoleszenz

October 5th, 2012

UPDATE

Die sogenannte geplante Obsoleszenz ist eine der Säue, die momentan durch das antikapitalistische Dorf getrieben wird. Der scheinbare Beweis für die unmoralische, menschenfeindliche, geldgierige und betrügerische Seele der freien Marktwirtschaft. Der Begriff beschreibt den bewussten Einbau von Sollbruchstellen in Produkte, damit diese nach einer bestimmten Zeit entweder unbrauchbar oder nur teuer zu reparieren sind. Auf den ersten Blick kann man tatsächlich nichts Gutes an einer solchen künstlichen Lebenszeitverkürzung von Produkten sehen.

Der zweite Blick offenbart dagegen ein schlagendes Argument, welches die geplante Obsoleszenz in ein anderes Licht rückt: Stellen wir uns das Gegenteil vor – die völlige Abwesenheit jeder geplanten Obsoleszenz. Tatsächlich wäre es heute ohne weiteres möglich, sehr viele Produkte so zu produzieren, dass sie mit nur wenig Wartung ein Leben lang halten würden. Man müsste sich nur noch einmal im Leben ein Auto kaufen, ein Handy, einen Anzug und so weiter. Was würde das aber für einen modernen Automobilbauer bedeuten? Für ein Unternehmen wie VW, BMW, Hyundai oder Toyota? Zunächst müssten sie die Produktion drastisch drosseln. Denn statt alle sechs Jahre kauft sich ein Kunde im Schnitt von nun an nur noch alle sechzig Jahre einen Neuwagen. Das wiederum würde die Geschäftsleitung vor eine schwierige Entscheidung stellen: Entweder es werden massiv Arbeitsplätze abgebaut, oder die Autos werden massiv verteuert. Denn wenn nur noch 10 % der bisherigen Verkäufe getätigt werden, sinkt eben auch der Umsatz auf 10 %, wenn die Preise gleich bleiben. Im internationalen Wettbewerb können aber Preise nicht einfach um ein vielfaches angehoben werden (ein Gesetz, das wir dem Kapitalismus zu verdanken haben), also werden Stellen abgebaut – nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus unternehmerischem Kalkül. Würden keine Stellen abgebaut, wäre das gesamte Unternehmen alsbald insolvent und alle Mitarbeiter stünden auf der Straße. Dieses Horrorszenario ist aber gottseidank nicht Wirklichkeit, und Produkte haben eine begrenzte Lebensdauer. Damit ist die gleichbleibende Nachfrage nach neuen Produkten und somit der Erhalt von Millionen von Arbeitsplätzen im Produktionssektor weltweit und somit Einkommen und Auskommen von Millionen von Individuen und Familien gesichert. Doch damit nicht genug – florierende Unternehmen können nicht nur hohe Gewinnausschüttungen an Aktionäre tätigen (auch wenn dies das Einzige ist, das Kapitalismuskritiker wahrnehmen), sie können auch in Forschung und Entwicklung investieren – und dies wird auch gemacht, wenn Interesse an einem langfristigen Erhalt des Unternehmens besteht.

Letztlich wäre ich aber nicht besser als der wütende Kapitalismuskritiker-Mob, würde ich im Schwarzweiß-Denken verharren. Neben diesem gewichtigen Pro-Argument gibt es selbstverständlich mindestens folgendes Contra-Argument: Geplante Obsoleszenz sollte transparent sein, der Kunde muss wissen, wie lange sein Produkt hält (im Übrigen wäre dies höchst kapitalistisch, da dann ein Wettkampf entstünde, den das Unternehmen gewönne, das die perfekte Balance zwischen Preis und Lebensdauer fände).