Einigkeit und Recht und Freiheit?

September 12th, 2012

Ich bin, Gottlob, kein Musikwissenschaftler und auch Literaturinterpretation ist mir eigentlich fremd. Dennoch fiel mir bei näherer Betrachtung unserer Nationalhymne Erschreckendes auf, und zwar direkt in den ersten beiden Zeilen. Jeder kennt sie, der Vollständigkeit halber seien sie hier dargestellt: “Einigkeit und Recht und Freiheit / für das deutsche Vaterland”. Was mich dabei irritierte, war nicht die erste Zeile – Einigkeit und Recht und Freiheit wünscht man sich selbst und allen anderen. Vielleicht nicht in dieser Reihenfolge, aber das ist vernachlässigbar. Die Nationalhymne aber richtet sich nicht an Individuen, sondern an das deutsche Vaterland, und damit ist in bester deutschnationaler Tradition nicht die Gesamtheit aller Deutschen gemeint, sondern das über-individuelle deutsche Kollektiv, das sich anhand der Sprache konstruiert und dem das Individuum klar untergeordnet ist.

“Einigkeit” meint also nicht das gute, brüderliche Auskommen aller Deutschen miteinander, sondern zunächst die Einigung der vielen autonomen Gebiete und danach die Aufnahme aller deutschsprachigen Gebiete in den deutschen Nationalstaat (früher als die “großdeutsche Lösung” bezeichnet).

“Recht” meint also nicht die Achtung und Wahrung der Menschenrechte jedes einzelnen Deutschen, sondern Gerechtigkeit für Deutschland, also wiederum die Annektion aller deutschsprachigen Gebiete, sowie die Anerkennung der deutschen durch andere Nationen nach außen, sowie die Achtung und Wahrung des Kollektivrechts nach innen: Jedes Individuum muss voll und ganz für das übergeordnete deutschnationale Kollektiv leben, notfalls dafür sterben.

“Freiheit” meint also nicht die erstrebenswerte klassisch-liberale Definition, nach der jedes Individuum alles tun und lassen kann, so lange es kein anderes Individuum damit beeinträchtigt, sondern es meint die Freiheit von außenpolitische Zwängen nach außen und die Freiheit von allem Fremdkulturellen nach innen – das deutsche Kollektiv soll in reinem deutschen Glanz erstrahlen.

So oder so ähnlich hätte, da bin ich mir sicher, von Fallersleben seine Dichtung einem Unwissenden erklärt. Im Grunde könnten wir auch direkt wieder die unsägliche erste Strophe verwenden, die drückt wenigstens klar aus, was sie meint.