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Ein wenig Tierethik

17. April 2012

Wiedermal aus einem meiner Forenbeiträge, deshalb etwas zusammenhangslos (es ging um Krabben, die in einem Experiment als Versuchstiere genutzt wurden – ohne sie zu verletzen, wohlgemerkt – und um die entrüstete Antwort eines Forenteilnehmers, Tierversuche seien generell schlecht und die Menschheit bräuchte wohl mal wieder ein heftiges Erdbeben mit vielen Toten, um das zu begreifen).

Zunächst ist es völliger Unsinn, an ein Tier dieselben Wertmaßstäbe anzulegen wie an einen Mensch. Es ist schon höchst problematisch, jedem Menschen dasselbe Wesen (im essentiellen Sinne) zu unterstellen, das man auch selbst besitzt. Was dabei herauskommt, nennt sich „Intersubjektivität“, also die Annahme, dass jeder Mensch dasselbe meint, wenn er „blau“ sagt, dass jeder Mensch bei ähnlichen Situationen ähnlich fühlt (hier wird es noch viel problematischer) und so fort.

Nun aber diese Intersubjektivität auch auf die gesamte Tierwelt zu übertragen, entbehrt jeder Grundlage. OB bestimmte Tiere beispielsweise Schmerz empfinden, kann die Neurologie erforschen – WIE sie ihn allerdings empfinden, ist unmöglich herauszufinden. Man kann es zwar erahnen, indem man menschliche mit tierischen Reaktionen auf Schmerz analogisiert – letztendlich sicher kann man sich aber nicht mal bei anderen Menschen sein.

Wie auch immer – es ist schon recht wahrscheinlich, dass Tiere wie Menschen primär Schmerz vermeidende (oder etwas weiter: Leid vermeidende) Wesen sind, woraus sich als erstes Resultat ergibt: Wer jemand anderem, sei es Mensch oder Tier, Leid zufügt, verstößt gegen eine ganze Reihe moralischer Prinzipien (Kants und Schopenhauers, beispielsweise). Also können wir hier davon ausgehen, dass dieses Verhalten schlecht ist.

Nun kommt allerdings eine gewichtige Untescheidung: Menschen haben gegenüber den meisten Tieren eine gesteigerte (je weniger komplex das Tier, desto deutlicher) Antizipationsfähigkeit. Sie sind also in der Lage, nicht nur unmittelbare Konsequenzen aus einer Situation, sondern darüber hinaus ganze Konsequenzoptionsbündel zu erkennen.
Auf den Punkt gebracht: Der Mörder im Todestrakt weiß, dass er bald sterben wird. Das Schlachtvieh auf der Wiese nicht. Letzteres bekommt erst eine Ahnung davon, wenn es vom Wolfsrudel gejagt wird (und selbst dann dürfte es sich eher um einen instinktiven Mechanismus handeln und nicht um den bewussten Todesgedanken).

Daraus folgt das zweite Ergebnis: Solange Tiere gut (also möglichst ohne die Zufügung von Leid) behandelt werden, ist eine schnelle Tötung des Tiers völlig in Ordnung – das legitimiert artgerecht gehaltenes Schlachtvieh, stellt aber Massentierhaltung in Frage.

Das löst immer noch nicht die Problematik von Tierversuchen. Hier gibt es allerdings auch gewichtige pro-Argumente. Einen Ansatz, den utilitaristischen, brachte bereits Forum-Fraggle. Kurz: Ein Menschenleben ist mehr wert als ein Tierleben, also sind Tierversuche innerhalb eines gewissen Rahmens vertretbar.
Ein weiteres Argument ist die anthropogene Eigenschaft der Natur als schützenswerte Entität. Eine interessante Eigenschaft der Natur ist, dass sie aus menschlicher Perspektive deutlich grausamer sein kann, als vieles, was der Mensch ihr „angetan“ hat: Der zerfetzende Löwe, der luftverpestende Vulkan, die ertränkende Flut, zuletzt der apokalyptische Meteor. Das alles ist „schlecht“, wenn es der Mensch selbst verübt. Schützenswerte aussterbende Spezies, klares Wasser, reine Luft – das alles sind genuin menschliche Kategorien. Das aber nur für den Hinterkopf.

Zuletzt bleibt, dass Tiere nicht einfach mit Menschen gleichgesetzt werden können. Ein Säugetier grausam zu töten ist inakzeptabel – es dagegen „unbemerkt“ zu töten, ist kein Problem. Bei Tierversuchen muss abgewägt werden – ich persönlich bin für eine möglichst schnelle Ersetzung von Tierversuchen durch computergestützte Modelle. Zudem sollten Hunde und Katzen unantastbar sein – allein aufgrund ihrer kulturellen Stellung als Haustiere.

Was diese Krabben betrifft – ich hätte zum Abschluss des Experiments wohl lecker Jambalaya für die Institutsbelegschaft gekocht. (Die Krabben wurden allerdings wieder in die freie Wildbahn entlassen.)