Wenn man nur ein wenig die Augen offenhält, drängt sich die Widersprüchlichkeit einiger Medien geradezu auf. Dementi gibt es freilich nie – dazu müsste ja Selbstkritik geübt und alte Artikel wieder ausgegraben werden. So werden Unwahrheiten als Fakten verkauft, die sich zwar später – häufig in anderem Kontext und nur im Nebensatz – als falsch erweisen, dem beiläufigen Leser aber im Kopf bleiben und so zu einem verzerrten Bild der Wirklichkeit beitragen.

Heute geht es um die Vorwahlen der nächsten Präsidentschaftskandidatur – in Europa wird ja gern über die US-amerikanische Polit-Kultur gelästert (vermutlich, weil wir selbst keine haben), der härteste Vorwurf dabei ist die Behauptung, es käme sowieso ausschließlich auf das Wahlkampfkapital an, das freilich von der Wirtschaft gesponsert würde. Natürlich ist das nicht ganz von der Hand zu weisen, aber als pauschale Annahme schlicht unwahr.

Dazu zwei Zitate. Das erste aus dem Tagesspiegel-Artikel “Romney gewinnt schmutzige Vorwahl” vom 01.02.2012:

“Florida zeigte eine besonders hässliche Seite dieses Wahlkampfs: Über Sieg oder Niederlage entscheiden in erster Linie Geld und Parteimacht. Romney warf viermal mehr Geld in die Schlacht als Gingrich, rund 12 Millionen Dollar. Der Favorit für die republikanische Präsidentschaftskandidatur und seine superreichen Unterstützerkomitees (PACs) nutzten jede Gelegenheit, um Gingrich niederzumachen.”

Klingt ein wenig klassenkämpflerisch, ansonsten aber ganz logisch, oder? Seltsam nur, dass ein paar Wochen später, am 23.02.2012, ebenfalls der Tagesspiegel im Artikel “Republikanern fehlt der klare Favorit” schreibt:

“Nach etwa 25 Debatten und neun Vorwahlen ist alles unklar – bis auf eines: Es gibt wider Erwarten keinen Favoriten. […] Seine [M. Romneys] Kriegskasse ist prall gefüllt, seine Organisation überlegen, vor drei Jahren wollte er schon einmal für seine Partei antreten. Seit mehr als fünf Jahren bereitet sich Mitt Romney auf dies Schlacht ums Weiße Haus vor und versucht den Amerikanern zu erklären, warum er ins Oval Office gehört.”

Kein Favorit also. Trotz ungleich praller gefüllter Kriegskasse Romneys? Was ist nun mit “Über Sieg oder Niederlage entscheiden in erster Linie Geld und Parteimacht”? Ganz einfach: Die Aussage war falsch. Denn es handelte sich um nichts weiter als eine Annahme – eine hanebüchene Annahme, wie die Fakten zeigen.

In Anlehnung an die angeblich “schmutzige Vorwahl” möchte ich dieses Verfahren gern “schmutzigen Journalismus” taufen. Er ist wie folgt charakterisiert:

  • 1.) Tendenziöse Berichterstattung – Fakten werden verdreht, aus dem Kontext gezogen und auf eine bestimmte Geisteshaltung hin zusammengestellt.
  • 2.) Aus Annahmen werden Aussagen, aus Möglichkeiten werden (angebliche) Fakten.
  • 3.) Im Nachhinein als unwahr entlarvte Berichterstattung wird nicht dementiert.