Eigentlich möchte ich auf diesem Blog nicht über tagesaktuelle Ereignisse schreiben, aber anhand eines kritischen Artikels des Tagesspiegels (den ich eigentlich sehr schätze) über den neuen Bundespräsidenten in Spe, Gauck (den ich ebenfalls sehr schätze), lässt sich sehr schön die anscheinend nicht unübliche journalistische Wirklichkeitssteuerung durch tendenziöse Berichterstattung, welche hier tatsächlich in Faktenverdrehung mündet, darstellen:

Der Tagesspiegel im Artikel “Wulff, Gauck und das Thema Integration” schreibt am 20.02.2012:

“Unmut hatte er [Gauck] bereits ausgelöst, als er Thilo Sarrazin im Tagesspiegel ‘Mut’ für dessen Thesen attestiert hatte.”

Das ist fakisch falsch. Tatsächlich berichtete ebenfalls der Tagesspiegel im Artikel “Gauck attestiert Sarrazin ‘Mut'” am 30.12.2012:

“Dem früheren Berliner Finanzsenator und Autor des umstrittenen Sachbuches ‘Deutschland schafft sich ab’, Thilo Sarrazin, attestierte Gauck, ‘Mut bewiesen’ zu haben. ‘Er hat über ein Problem, das in der Gesellschaft besteht, offener gesprochen als die Politik.’ Die politische Klasse könne aus dem Erfolg von Sarrazins Buch lernen, dass ‘ihre Sprache der politischen Korrektheit bei den Menschen das Gefühl weckt, dass die wirklichen Probleme verschleiert werden sollen’. Zum Parteiausschlussverfahren der SPD gegen Sarrazin sagte Gauck, die SPD habe das Recht zu sagen, dass die Position eines Parteimitgliedes nicht ihrer politischen Auffassung entspricht. ‘Aber man muss nicht gleich demjenigen Sanktionen androhen, der ein bestehendes Problem offen anspricht.'”

Über Sarrazins Thesen (die ich in vielen Punkten übrigens radikal ablehne), ging es Gauck mit keinem Wort. Er sprach allein von dem seit Jahrzenten in Deutschland virulenten, gleichsam stets verdrängten Problem der Integration und von Sarrazins Mut, dieses Problem anzugehen.

UPDATE, 21.02.12:

 Heute im Tagesspiegel, “Volkssport Gauck-Bashing”:

“Nun, da war zum Beispiel jene Einlassung über den ehemaligen Berliner Finanzsenator und Autor des umstrittenen Sachbuches ‘Deutschland schafft sich ab’, Thilo Sarrazin. Ihm attestierte Gauck Ende 2010 im Tagesspiegel-Interview, ‘Mut bewiesen’ zu haben. Allerdings bezog er sich damit nicht auf Sarrazins krude Thesen, sondern vielmehr auf den Willen, das Tabuthema misslungene Integration überhaupt öffentlich zu diskutieren. ‘Er hat über ein Problem, das in der Gesellschaft besteht, offener gesprochen als die Politik’, urteilte Gauck seinerzeit. Ungeachtet des populistischen Inhalts könne die politische Klasse aus dem Erfolg von Sarrazins Buch lernen, dass ‘ihre Sprache der politischen Korrektheit bei den Menschen das Gefühl weckt, dass die wirklichen Probleme verschleiert werden sollen’.'”

Unglaublich, die Damen und Herren vom Tagesspiegel werden doch wohl nicht etwa in meinem Blog lesen!