Der Mythos der Demokratie

February 8th, 2012

Ein, vielleicht sogar der grundlegende Anspruch der Demokratie ist die Mündigkeit des Bürgers. Und je mehr der Begriff “Demokratie” in seiner ursprünglichen Bedeutung gemeint ist, also: je mehr die direkte Regierungsmacht beim Bürger liegt (in einer Basisdemokratie, beispielsweise), desto größer muss dieser Anspruch sein. Denn je mehr der Bürger selbst entscheiden soll, desto mehr Wissen muss er über das jeweilige Thema haben. Ein von medialer Beeinflussung möglichst unabhängiger Bürger in einer absoluten Basisdemokratie müsste also idealerweise im gesamten wissenschaftlichen Spektrum ausgebildet sein, was freilich eine Unmöglichkeit darstellt. Es gibt nun hauptsächlich zwei Wege, diesen Missstand zu beheben: Der Transfer der direkten, entscheidenden Macht des einzelnen Bürgers hinzu einer delegierenden und bewertenden Macht – der Bürger wählt, wen er für fähig erachtet, in seinem Interesse zu handeln und wählt ihn bei Enttäuschung nicht mehr, bei Zufriedenheit wieder. Der zweite Weg ist die Wissensbündelung und -simplifizierung, was vor allem durch journalistische Medien geschieht – Sachverhalte werden vereinfacht und kompakt wiedergegeben und ermöglichen dem Bürger eine einfache Entscheidung. Beide Möglichkeiten werden heute verwendet und haben jeweils erdrückende Nachteile, die hier nicht Gegenstand sein sollen.

Gegenstand soll dagegen sein, dass die Forderung des mündigen, also aufgeklärten, also informierten Bürgers eine solche ist. Ein Zirkelschluss, dennoch notwendig, um einen Fehlschluss zu entlarven, der da lautet: Der Bürger in einer Demokratie soll maximal mündig sein, also ist der Bürger in einer Demokratie maximal mündig. Denn, egal, ob man das ursprüngliche “Stammtischgespräch”, oder aber dessen moderne Analogie, das Internetforum betrachtet: In ihrer eigenen Wahrnehmung besitzen die Beteiligten zumeist einen Wissensstand, der fast schon gottgleich anmutet – schaffen sie es doch nicht selten, innerhalb eines Abends (oder aber innerhalb eines Foren-Threads) alle wichtigen lokal- und weltpolitischen Themen zur Zufriedenheit aller Beteiligten zu lösen.

Und aus dieser grotesk verschobenen Selbstwahrnehmung, die aus einer Unfähigkeit der Erkenntnis eigenes Nicht-Wissens erwächst, resultiert eine ebenso verschobene Definition der Demokratie: Nicht alle Bürger müssen maximal aufgeklärt sein, müssen also maximale Anstrengungen unternehmen, aufgeklärt zu sein, sondern alle Bürger sind maximal aufgeklärt. Aus dieser faktisch falschen Prämisse folgt die logisch wahre Conclusio, dass eine direkte Demokratie die beste aller Staatsformen sein muss – ist sie doch eine Herrschaft von Allwissenden.
Das ist natürlich nicht der Fall, aber durch das Denken, Wissen müsse nicht mehr erworben werden, sondern sei ohnehin schon vorhanden, suhlen sich die ganzen stammtischelnden “mündigen Demokraten” in Empörung, Anschuldigungen und Besserwisserei, ohne dabei zu bemerken, dass der Großteil ihres “Fachwissens” durch Hörensagen und Phantasterei entstanden ist.

Demokratie ist, frei nach Popper, eine schlechte Staatsform, dennoch die Beste der bekannten. Aber Demokratie benötigt aktive Mitarbeit der Bürger, die sich nicht in Meckern und Wählen erschöpft. Die wichtigste politische Leistung, die von den Bürgern einer Demokratie erbracht werden muss, ist die Mündigwerdung, das Aneignen von Wissen. Der ewige Vorwurf, “die da oben” würden ohnehin tun, was sie wollen, kann nur dann richtig sein, wenn zwischen “denen da oben” und den Bürgern unterschieden werden kann. Je mehr Bürger und Politiker zusammenwachsen, je geringer die Grenze zwischen beiden ist, bis sie schließlich eine Einheit bilden, je politikkompetenter die Bürger werden, desto kleiner wird der Unterschied zwischen erwarteter Politik von Seiten der Bürger und ausgeführter Politik von Seiten der Politiker sein.

Und auch wenn demokratische Vereinfachungen, wie Repräsentation und Informationsreduktion, notwendig sind und gleichzeitig ein gewisses Auseinanderdriften von Politik und Bürger fördern, so ist es trotzdem die Bürgerpflicht, gegen diesen Widerstand anzuarbeiten, indem die Informationsreduktion durch eigenen Wissenserwerb so gering wie möglich gehalten wird, während die Repräsentation stets kritisch betrachtet und scharf beurteilt wird. Die aktuelle Demokratieverdrossenheit und das daraus resultierende Empören und Meckern hat mit kritischer Betrachtung allerdings so viel gemein, wie ein Stück Hundekot mit einer Linzer Torte.