Kapitalismuskritik ist en vogue, und das durchgehend seit Marx. Dass diese Kritik überhaupt möglich ist, ist dem Kapitalismus, bzw. dem ihn seinerseits ermöglichenden Liberalismus geschuldet. In einem antiliberalen, mithin totalitären System ist Systemkritik für gewöhnlich verboten. Das aber nur am Rande. Viel aktueller ist doch die Frage, was die Kritiker konkret fordern. Man könnte meinen, betrachtet man die aktuellen Manifestationen der Kapitalismuskritik, nämlich die “Occupy-Bewegung”, wirklich gefordert würde nichts. In den Medien wird argumentiert, es gäbe nicht viel oder keine gemeinsamen Nenner der Protestierenden – ich wage zu behaupten: Die Kritik ist möglicherweise, auch auf individueller Ebene, inhaltsleer. Eine unbestimmte Wut macht sich breit (der sorgenfreie Mensch sehnt sich nach der Sorge), und ebendiese wird im Protest kanalisiert. Allerdings nicht, ohne sich zuvor mit kindlichen, mithin unzivilisierten bzw. urmenschlichen Trieben zu mischen: Neid, Aggression, Hass auf das Andere. Dieser Umstand führt dann zu den ridikulösen und unbedachten Forderungen nach einer Revolution. Denn hiermit lässt sich die Konzeptlosigkeit wunderbar kaschieren: “Erst die Revolution, dann wird es uns allen besser gehen!” Dass dazwischen ein Konzept fehlt, wird verdrängt. Die Forderung ist die Revolution, diese Revolution aber ist inhaltsleer. Denn Revolution kann nur Werkzeug sein (ein relativ unbrauchbares dazu), nicht aber Werkstoff! Der Liberalismus, manifest in der Demokratie, ist geschaffen worden, um das stumpfe und grobschlächtige Werkzeug der Revolution zu ersetzen durch das Präzisionsinstrument der Reform.
Eine Revolution kann notwendig sein. Sie kann notwendig sein, um eine Demokratie zu errichten, um einen Tyrannen zu stürzen, um Willkürherrschaft zu beenden. In Deutschland wäre sie notwendig gewesen, aber protestiert wird hierzulande nur, wenn man nichts zu befürchten hat. Eine Revolution ist nicht notwendig, wenn die Möglichkeit der Reform existiert. Und alles, was eine Revolution erreichen muss, ist die Abschaffung ihrer eigenen Notwendigkeit. Wo dies nicht geschehen ist, wo die Revolution genutzt wurde, um ein System nach Plan zu errichten, ein Gegensystem zum liberalen Kapitalismus, war beispielsweise Russland, dann: Die Sowjetunion. Anstelle des Liberalismus kam der Kollektivismus, anstelle des Kapitalismus die Planwirtschaft. Beides ist grandios gescheitert, und zwar weit hinter der Grenze, ab der man heute den Kapitalismus als gescheitert erklärt (nämlich wenn man für den Liter Benzin plötzlich 1,50 € zahlen muss und eventuell arbeitslos wird, aber dennoch nicht um sein Leben zu fürchten hat). Sieht man sich Russland heute an, sieht man ein verwahrlostes Land auf allen Ebenen.
Bei alldem darf nie vergessen werden, und gern wird das heute vergessen, dass konstruktive Kritik gefragt ist. Differenzierte, begründete, konstruktive Kritik. Die “Bürgerpflicht”. Die ist es nicht, das Bürgertum abzuschaffen, indem die Revolution ausgerufen wird. Sondern die ist es, sich aktiv an der Politik zu beteiligen. Wenigstens mit der Wahlstimme, optimal mit der aktiven Mitarbeit. Aber in Deutschland scheint es eine derartige Tradition nicht zu geben. Hier will man alles oder nichts. Totalen Luxus oder totalen Krieg. Probleme werden nicht gelöst, sie werden vernichtet.