/* Disable XMLRPC add_filter( 'xmlrpc_enabled', '__return_false' );*/ /* Remove XMLRPC, WLW, Generator and ShortLink tags from header remove_action('wp_head', 'rsd_link');*/ feed.the1nter.net » 2013 » Mai

Je mehr ich mich mit dem Thema Neonazismus in Deutschland beschäftige, desto offensichtlicher wird das, was in unserer Gesellschaft gerne verdrängt wird: Rechtsradikalismus wird in Deutschland zunehmend salonfähiger. Dabei meine ich nicht den extremsten Ausländerhass, der etwa von Gruppen wie dem sog. „NSU“ gelebt wird, und auch nicht den organisierten, gar parteipolitischen Neonazismus, wie ihn etwa die NPD vertritt. Ich meine rechte und rechtsradikale Denkweisen und Argumentationsmuster, die sich immer mehr bei dem durchschnittlichen Bürger verankern, der mit extremem und organisiertem Nazismus überhaupt keinen Kontakt hat. Vermutlich würde er sich sogar vehement gegen die Feststellung, er sei Rechter, Rassist oder Nazi, wehren. Nennen wir dieses Phänomen „unbewussten Nazismus“.

Wie kommt es zum unbewussten Nazismus? Wie kann es sein, dass er immer weiter zunimmt? Gern werden rechte Strömungen auf Ostdeutschland beschränkt, und tatsächlich finden sich dort wahre faschistische Brutstätten. Allerdings birgt diese Feststellung die Gefahr, zu einfachen Erklärungen zu verfallen; die Ostdeutschen hatten nach der Wende keine Perspektive, also wurden sie Nazis. Klingt einleuchtend, zum Teil mag es auch stimmen, aber es handelt sich dabei sicherlich nicht um eine hinreichende, allumfassende Erklärung für das Phänomen des erstarkenden Nazismus. Wie erwähnt gibt es auch im Westen Nazis, und längst nicht alle Ostdeutschen haben sich nach der Wende in des Führers Arme geflüchtet. Rechtsradikalität und Arbeitslosigkeit mögen zwar miteinander korrelieren, aber auch hier kann nicht von Monokausalität gesprochen werden. Denn ebenso wie es arme, perspektivenlose Nazis gibt, existieren durchaus auch wohlhabende, fest im Leben stehende Rechtsradikale. Und genau hier finden sich auch viele der unbewussten Nazis, die sich selbst vielleicht als konservativ, nationalliberal, patriotisch, oder durchaus sogar als links bezeichnen (Links- und Rechtsextremismus besitzen erstaunlich viele Gemeinsamkeiten, nicht von ungefähr steckt im Wort „Nazionalsozialismus“ der links geprägte „Sozialismus“).

Festzustellen ist jedenfalls, dass keine monokausale Erklärung das Phänomen des Neonazismus auch nur annähernd befriedigend erfassen kann. Doch es gibt noch eine weitere Frage, die einen nicht in Erklärungsnot bringt: Anstelle von: „Weshalb Neonazismus?“ fragen wir: „Weshalb Neonazismus, und nichts anderes?“ Denn zweifellos gäbe es viele andere Möglichkeiten, seine Unzufriedenheit (aus welchen Gründen auch immer; etwa Perspektivenlosigkeit, Arbeitslosigkeit, Marginalisierung, Politik) zu kanalisieren. Doch der Neonazismus steht auf der Liste ganz oben. Egal, ob in einer etablierten Partei, in rechtsautonomen Schlägertruppen, oder unbewusst am sonntäglichen Esstisch: „Wir“ sind immer öfter die Guten, und „Die“ die Bösen. Und ich wage zu behaupten, dass es nicht so sehr der Neonazismus selbst ist, der für seinen hohen Zulauf sorgt, sondern vielmehr der Umgang mit ihm von Gesellschaft und Politik. In Deutschland hat die Demokratie einen vergleichsweise geringen Status. Sie gilt als korrumpierter Sumpf machtgeiler Politiker, die ihre Meinung wie ein Fähnchen im Wind drehen, und als Elfenbeinturm studierter Idealisten, die längst den Boden der Tatsachen verlassen haben. Und so bietet sich der Neonazismus mit einem straffen Führerkonzept, mit unmissverständlichen Ansichten, klaren Zielen, und noch wichtiger: einem eindeutigen Feindbild, als gute Alternative für all die Demokratieverdrossenen an. Schon ein beiläufig daher gesagtes „Früher hätte es das nicht gegeben..“ kann auf eine tiefe, dennoch vielleicht unbewusste neonazistische Denkstruktur hinweisen.

Doch wie soll man dieser Gefahr begegnen? Was nützen all die Analysen und Hypothesen, wenn daraus keine Konsequenz gezogen werden kann? Ich bin der Auffassung, die demokratische Gesellschaft begegnet dem Neonazismus auf einer falschen Ebene. Neonazis werden grundsätzlich mit Samthandschuhen angefasst. Sie werden als vollwertige Bürger behandelt, als Mitglieder der Gemeinschaft, die ein Kavaliersdelikt begangen haben. Dabei sind sie elementare Feinde der Demokratie, unserer Demokratie. Und genau als solche müssten sie behandelt werden. Problemlos und unbehelligt können Neonazis in unserer Gesellschaft leben, solange sie keine Straftat begehen. Eine nazistische Gesinnung ist eben keine Straftat, denn sie ist vom gesetzlich verankerten Recht auf freie Meinung geschützt. Wie kann es aber angehen, dass ein Neonazi, also im Umkehrschluss an Antidemokrat, sich auf ein demokratisches Gesetz beruft? Er, der als erstes die Demokratie und damit die Meinungsfreiheit und damit die Gleichbehandlung der Menschen abschaffen würde, käme er an die Macht, ist Nutznießer ebendieser Meinungsfreiheit. Und das kann und darf nicht sein.

Auch wenn wir alle gerne den Weltfrieden hätten, müssen wir einsehen, dass eine pazifistische Gesellschaftsordnung momentan (und vermutlich auch noch für lange Zeit) keine lange Überlebenschance hätte. Wir benötigen, auch wenn es nicht in diverse idealistische Weltbilder passt, eine wehrhafte Demokratie. Und zwar wehrhaft gegen Feinde von außen als auch gegen Feinde von innen. Und um sich effektiv gegen die inneren Feinde (nämlich Extremisten jeder Couleur) zu schützen, bedarf es einer rigiden Gesetzgebung, die keinerlei Toleranz gegenüber demokratiefeindlichen Ideologien zulässt. Natürlich kann und darf man Gedanken nicht überwachen, und es wäre auch nicht zweckmäßig, ein Denunziantentum zu erschaffen, wie man es aus so gut wie jeder Diktatur kennt. Was dagegen überwacht werden kann, sind öffentliche Äußerungen, sei es auf der Straße bei Demonstrationen, sei es auf radikalen Versammlungen, sei es im Internet. Und genau hier muss dann auch hart durchgegriffen werden, um den Extremisten klar zu machen, dass die Demokratie für sie keine Spielwiese, sondern einen übermächtigen Gegner darstellt. Wer extremistische Positionen skandiert (und ich meine hier Extremismus jeder Art!), hat keinen Platz in unserer Gesellschaft, ebenso wenig wie ein Mörder oder ein Vergewaltiger. Was genau mit diesen Personen geschehen soll, ist eine andere Frage. Gefängnisse radikalisieren, das ist hinreichend bekannt. Und bei aller Härte kann man niemanden lebenslang einsperren, weil er gegen eine Menschengruppe gehetzt hat. Ebenso wenig kann man ihn nicht einfach ausweisen – wohin sollte er schon gehen? Es wäre der temporäre Entzug bestimmter Bürgerrechte denkbar, wobei ich damit natürlich keine grundlegenden Menschenrechte meine. Dazu müsste aber eine Unterscheidung von Menschen- und Bürgerrechten klar möglich sein.

Spätestens jetzt sollte auch der letzte Leser voller Empörung sein, denn in der Tendenz ähnliche Maßnahmen gab es in Deutschland schon einmal, allerdings mit großen Unterschieden: Dort (ich spreche von der Judenverfolgung im Nationalsozialismus) wurde eine Menschengruppe völlig grundlos entrechtet, hier werden diejenigen entrechtet, die sich gegen Demokratie und Gesellschaftsordnung stellen. Dort war es eine absolute, ungebändigte Entrechtung, hier ist sie gesetzlich streng geregelt. Dort verletzte die Entrechtung grundlegende Menschenrechte, ermutigte sogar zum straffreien Massenmord, hier werden Menschenrechte unter allen Umständen gewahrt. Dort bestimmte die Geburt über die Entrechtung, hier ist es die freie Wahl jedes Menschen, sich gegen die Demokratie zu stellen und somit entrechtet zu werden. Es soll nicht darum gehen, den Extremisten zu verletzen, zu demütigen oder über alle Maße bloßzustellen, sondern einzig darum, ihm die Teilnahme am bürgerlichen Leben, an der Demokratie zu verweigern.

Kurzum plädiere ich für eine rigidere Strafgesetzordnung im Bereich des Extremismus, der unvereinbar mit der Demokratie ist. Dabei darf unter keinen Umständen die bürgerliche Freiheit beeinträchtigt werden – ich bin ein erklärter Gegner von Sicherheitswahn, Planwirtschaft und der Entmündigung des Bürgers. Das Ziel muss sein, Extremisten weitgehend aus unserer Gesellschaft auszustoßen, zumindest solange sie diese extremistischen Einstellungen vertreten. Das gilt für Neonazis ebenso wie für Linksextreme, Autonome, Islamisten, christliche Fundamentalisten und andere antidemokratische Gruppierungen. Es kann nicht sein, es ist gar paradox, dass Extremisten die Demokratie dazu nutzen, die Demokratie zu bekämpfen. Hier muss die Demokratie radikal (im exakten Wortsinn) und mit eisernem Willen durchgreifen.

Es ist ein Mythos der Moderne, dass die Demokratie die Vollendung, das notwendige Ende der Staatssysteme ist. Sie ist nur ein System unter vielen und daher einer konstanten Bedrohung ausgesetzt. Die Demokratie wird als gegeben und ewig empfunden, dabei muss sie ständig um ihr Überleben kämpfen. Nur wenn dieses Bewusstsein sich bei den Bürgern wieder durchsetzt, hat die Demokratie langfristig eine Chance gegen die barbarischen Kräfte von außen und innen. Betrachtet man aber die „Politikverdrossenheit“ und „Demokratiemüdigkeit“ der Bevölkerung, so kommen mir ernsthafte Zweifel, ob unsere freiheitlich-demokratische Gesellschaftsordnung überhaupt noch diese Dekade überlebt.

Natürlich bin ich mir darüber im Klaren, dass meine Forderungen kein großes Gehör finden werden. Nicht nur wegen des relativ kleinen Leserkreises meines Blogs, sondern vielmehr wegen dem oben genannten allgegenwärtigen Wahn, die Demokratie müsse sich nicht verteidigen. Daher habe ich eine weniger politische Anregung, die man auch als Bürger umsetzen kann: Zeigt auf Gegendemonstrationen die Verteidigungsbereitschaft der Demokratie. Malt keine bunten Flaggen, singt keine fröhlichen Lieder, macht nichts, was die Extremisten als Schwäche deuten könnten. Schwenkt einheitliche, brutale Fahnen, brüllt markige Parolen, schlagt die Extremisten mit ihren eigenen Waffen. Sie sind anders nicht zu erreichen. Aber verzichtet dabei auf körperliche Gewalt, denn es ist eine der herausragenden Eigenschaften der Demokratie, dass die individuelle Gewalt von der gewählten Staatsgewalt vertreten wird. Und zu guter Letzt: Lasst euch nicht von anderen Extremisten vereinnahmen. Nur allzu gern mischen sich gewaltbereite Extremisten anderer Gruppierungen unter demokratische Gegendemonstranten, um diese dann unter ihrer eigenen Flagge marschieren zu lassen.

Wer sich über Oswald Spengler informiert, wird relativ bald die extreme Verbindung entdecken, die heute von ihm zum Nationalsozialismus gezogen wird. Bei Wikipedia etwa wird Spengler als „geistiger Wegbereiter des Nationalsozialismus“ bezeichnet, anderswo wird von Spengler als Hitlers größte Inspiration gesprochen. Und damit dürfte für die meisten das Thema auch schon wieder beendet sein; wer möchte sich schon eingehend mit Ansichten beschäftigen, die offenbar direkt zu Hitlers Nazideutschland führten? Ich habe allerdings den Versuch gewagt und mich, ohne vorher irgendwelche Zusammenfassungen oder Biographien zu lesen, mich direkt mit Spenglers Hauptwerk beschäftigt. Und siehe da: Bereits in der Einleitung erweist sich Spengler als haarscharfer Beobachter, der nicht nur Themen anspricht, die noch heute brandaktuell sind, sondern der auch durchaus exakte und richtige Schlüsse daraus zieht.

Nun wäre es falsch, alle Wissenschaftler, die sich intensiv mit Spengler befasst haben, der Lüge zu bezichtigen, und Spengler als einen großartigen Philosophen (besser: Kulturwissenschaftler) ohne jeden Makel zu bezeichnen. Besonders die tieferen Schlüsse, die er aus seinen Beobachtungen zieht und die sich schon auf einer Metaebene befinden, sind nicht unbedingt einleuchtend und kritiklos annehmbar. Aber ich finde, bei der Spengler-Rezeption stand immer seine angebliche Nähe zu dem zweifellos erbrechen im Nationalsozialismus im Vordergrund, und das eigentlich Erwähnenswerte, Spannende, Interessante und Einleuchtende wurde stets nur am Rande und widerwillig zugestanden.

Was hat Spengler nun aber so Herausragendes erkannt, dass ich ihm einen separaten Artikel widme? Wie gesagt, sind es bei Spengler eher die einleitenden Worte und Beobachtungen, die mich bei der Lektüre seines Hauptwerks (Der Untergang des Abendlandes) tief beeindruckten. Die Schlüsse und übergeordneten Theorien, die er daraus ableitet, sind allerdings fragwürdig, wenn auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Beginnen wir zunächst mit diesen übergeordneten Theorien, um das Unbequeme direkt zu Beginn abzuarbeiten.

Spengler ist der Ansicht, Gesellschaften würden sich notwendigerweise dualistisch-zyklisch entwickeln, und es gäbe keine Möglichkeit, diesem Zyklus zu entrinnen. Er unterscheidet dabei Kulturen von Zivilisationen, die sich jeweils abwechseln. Während die reine Kultur nur das Mythische, das Religiöse, das Künstlerische, das Natürliche kenne, gäbe es bei der reinen Zivilisation nur das Logische, das Mathematische, das Rationale. Die Entwicklung einer Gesellschaft nach Spengler kann man sich als Sinuskurve vorstellen, die sich immer von der Kultur zur Zivilisation und wieder zurück entwickelt. Spengler bevorzugt dabei keine der beiden Gesellschaftsformen, und sieht als Voraussetzung eines guten und erfolgreichen Lebens das Annehmen dieser übergeordneten Zyklen. Dagegen anzukämpfen hält er für verschwendete Energie. Spengler zieht die historische Entwicklung verschiedener Gesellschaften der Welt als Belege für seine Theorie heran.

Das ist also die Kernaussage seines Werkes, und ich muss gestehen, dass ich die Verbindung zum Nationalsozialismus beim besten Willen nicht erkennen kann, aber vielleicht habe ich mich einfach noch nicht tief genug damit befasst. Wie auch immer – auf die Kernaussage kommt es mir ohnehin nicht an, denn die mag zwar tendenziell in vielen Beispielen zutreffen (man denke nur an das derzeitige Erstarken der Esoterik, einem nach Spengler kulturellen Element, in unserer durch und durch technisierten, also zivilisierten Welt), aber eine „notwendige Entwicklung der Geschichte“ ist schlicht und einfach Unsinn. Es war Unsinn bei Hegel, war Unsinn bei Marx und ist eben auch Unsinn bei Spengler.

Nun aber zum interessanten Teil. Die erste wichtige Beobachtung, die Spengler macht, ist der historische wie regionale Eurozentrismus moderner Geschichtsschreibung. Dieses Thema ist heute noch hochaktuell, und die explizite und radikale Kritik Spenglers zu seiner Zeit (Anfang des 20. Jahrhunderts), ist erstaunlich progressiv und weitblickend. Man kann kaum glauben, dass Spengler einer der größten Vertreter der konservativen Revolution gewesen sein soll. Was kritisiert Spengler konkret? Er untersucht, wie gesagt, die moderne Geschichtsschreibung, wobei ihm auffällt, dass je näher die bearbeitete Zeit an der Gegenwart und je näher die bearbeiteten Ereignisse am geographischen Europa liegen, desto umfangreicher und ausführlicher werden sie behandelt. Daraus folgt, dass bedeutende Hochkulturen, die allerdings vor langer Zeit an fernen Orten existierten (etwa die mexikanische oder ägyptische Kultur), so abgefasst wird, dass ein Jahrtausend jener Kulturen einem so vorkommt, wie ein einziges Jahr der jüngeren europäischen Geschichte.

Die andere wichtige Beobachtung ist der Einfluss der Gesellschaft auf die wahrgenommene Wirklichkeit. Spengler radikalisiert diese Feststellung so weit, dass nach seiner Meinung Theorien, Mentalitäten und Wirklichkeiten aus einer reinen Kultur in einer reinen Zivilisation nicht verstanden werden können, und umgekehrt. Auch das bestätigt sich, zumindest tendenziell, in den erfolglosen, gegenseitigen Missionierungsversuchen von Esoterikern und Rationalisten, die jeweils ihre Ansichten für absolut wahr halten. Dabei möchte ich keinesfalls Wissenschaft und Esoterik auf eine Stufe stellen – objektiv ist die Wissenschaft richtig und die Esoterik hanebüchen, aber subjektiv eben nicht. Wie erwähnt radikalisiert Spengler diese Ansicht allerdings, indem er die Existenz einer objektiven Wahrheit komplett verneint. Die Beobachtung der Abhängigkeit der Wahrnehmung und Denkweise von der Gesellschaft ist aber ein wissenschaftliches Grundprinzip, das zu Spenglers Zeit keinesfalls selbstverständlich war.

Und so formuliert und kritisiert Spengler in seiner Einleitung zwei überaus wichtige und revolutionäre Punkte, nämlich den Eurozentrismus und die Relativität der individuellen Wahrnehmung, die selbst in der Wissenschaft auch heute noch lange nicht selbstverständlich berücksichtigt werden. Diese Errungenschaften Spenglers werden bei der Fokussierung auf den Nationalsozialismus leider ausgeblendet, und so wird eine adäquate Bewertung der Person und des Philosophen oder Kulturwissenschaftlers Spenglers verunmöglicht.

Typisch deutsch! Absolute Gehorsamkeit? Preußische Disziplin und industrielle Massenvernichtung? Bürokratismus? Recht und Ordnung? Blinde Staatsgläubigkeit? Liegestuhl reservierende Urlauber auf Mallorca? Ja, vielleicht. Auch. Aber mittlerweile hat sich eine Eigenschaft besonders etabliert, die man bei einem so großen Teil der Bevölkerung zu finden scheint, dass sie wirklich als „Mentalität“ bezeichnet werden kann. Die Träger dieser Eigenschaft würden sie „kritisches Denken“ nennen, aber das ist schon eine krasse Verzerrung des Begriffs. Denn eigentlich meint „kritisches Denken“ das Nachprüfen von Behauptungen, die Suche nach Wahrheit, das Infragestellen von Autoritäten und nicht zuletzt: Die konstruktive Suche nach Problemlösungen. Eine wirklich großartige Eigenschaft, die man sich selbst und jedem anderen Menschen nur wünschen kann.

Aber was unterscheidet das echte „kritische Denken“ vom falschen „kritischen Denken“? Letzteres ist, in aller Kürze, die selbstgefällige Verachtung von all dem, was einem nicht in den Kram passt, die willkürliche Definition abstrusester Behauptungen als „Wahrheit“ und die Verschleierung der eigenen Ziele, indem irgendwelche höheren moralischen Kategorien vorgeschoben werden. Der deutsche kritische Denker versucht nicht, in aller Gelassenheit und Genauigkeit ein Problem zu analysieren und konstruktiv anzugehen. Nein: Er empört sich, er schreit hysterisch auf, er überhöht das Problem zum Bösen an sich; er sieht darin das Ende der Zivilisation, die Verschwörung der Mächtigen, den Zorn Satans; er kann es nur im Ganzen sehen, im Ganzen hassen, im Ganzen zerstören; akzeptieren kann er keine Lösung, keinen Kompromiss, nur die völlige Vernichtung; er kann nicht differenzieren, kann nicht diskutieren, kann nicht einsehen – nur verblenden, dogmatisieren und noch lauter schreien. Er sucht die Gesellschaft seinesgleichen und ist damit in Deutschland wohl zuhause. Niemand wird sich erdreisten, ihn zu hinterfragen – er möchte doch Gerechtigkeit! Für alle Menschen! Wie könnte er damit falsch liegen? Dass diese Argumentation die angebliche Intention mit der Konsequenz gleichsetzt, scheint niemand zu bemerken.

Mit Leichtigkeit erklärt er die Verschwörung um 9/11, die Ölgier der Amerikaner, die Vergiftung der Bevölkerung durch die Regierung mit verschiedensten Mitteln; mit der größten Selbstverständlichkeit setzt er Israel mit Nazideutschland gleich, spricht vom Kapitalismus wie von Pest und Cholera, unterstützt er Revolutionen jeder Art. Es ist so einfach: Er, der deutsche kritische Denker, weiß genau, was Gut und was Böse ist – es ist doch auch so offensichtlich! Er muss nicht einmal mehr den Stammtisch aufsuchen, im Internet warten Millionen von Websites auf seinen Besuch und Dokumentationen auf seine Aufmerksamkeit damit sie ihn weiter aufklären können über das Übel der Welt. Und diese „Aufklärung“ saugt er auf. Kritisches Denken? Doch nicht hier! Wie kann man es wagen, die deutschen kritischen Denker zu kritisieren? Schon vergessen? Sie wissen doch über Gut und Bös‘ Bescheid! Ausnahmslos, immer, ausschließlich: Etablierte Meinungen, bewährte Methoden, erfolgreiche und mächtige Personen sind das Problem.

Und ihre Lösung? Vernichten! Weg mit dem Kapitalismus, occupy everything! Weg mit den Amerikanern, ersäuft sie in Öl! Weg mit den Israelis, Inch’Allah! Weg mit der Schulmedizin, wer heilt hat recht! Weg mit der Demokratie, viva il Duce!

Das ist er also, der neue alte Deutsche. Der kritische Denker. Besessen von seiner German Angst erträgt er es nicht, wie die Problemlösung auf der Welt voranschreitet. Langsamen, stetigen Fortschritt kann er nicht ertragen, selbst ein großer Rückschritt ist ihm lieber; Rückschritt im Gleichschritt, das fasst seinen Ungeist gut zusammen.

Wer mich kennt, weiß, dass ich kaum etwas höher schätze als die Wissenschaft (nicht die Akademie, aber das ist ein anderes Thema). Dennoch stellt der Atheismus keine brauchbare Option für mich dar. Für die wissenschaftlich Denkenden handelt es sich nur um eine begriffliche Unschärfe, die das ganze Problem verursacht, für viele aber, die sich einfach nur aus der Unvorstellbarkeit eines Gottes heraus „Atheisten“ nennen, möchte ich etwas Aufklärungsarbeit leisten.

Zunächst die begriffliche Klärung:
Ein..

  • ..Theist ist ein Mensch, der an die Existenz eines Gottes glaubt.
  • ..Atheist ist ein Mensch, der an die Nichtexistenz jedes Gottes glaubt.
  • ..Agnostiker ist ein Mensch, der sowohl Existenz als auch Nichtexistenz eines Gottes (besser: Schöpfers) für möglich hält.
  • Während es recht klar ist, was ein Theist und was ein Atheist ist, sei der etwas kompliziertere Agnostiker kurz näher erläutert: Der Agnostiker ist der einzige, der wissenschaftliche Methoden an die Gottesfrage anlegt. Niemand kann wissen oder auch nur ahnen, worin die Welt ihren Ursprung hat. Die Entwicklung des Universums, der Erde und des Lebens auf der Erde lässt sich in vielen Fällen mit erstaunlicher Genauigkeit zurückverfolgen – die grundlegende Entstehung jedoch nicht. Der Urknall ist der letzte Punkt in der Entwicklung der Wirklichkeit, dessen Existenz wir wissenschaftlich für wahrscheinlich erachten können. Was aber den Urknall selbst ausgelöst hat, ist Gegenstand reiner müßiger Spekulation. Ebenso können wir wissenschaftlich zwar die Naturgesetze – die Gesetze der Schwerkraft, des Magnetismus, der Evolution etc. – erfassen, nicht aber, weshalb gerade diese Gesetze existieren.

    Der Agnostiker erkennt dieses Unwissen an und beschäftigt sich mit dieser für den Menschen unbegreiflichen Erkenntnisebene höchstens in seiner Freizeit. Sowohl der Theist als auch der Atheist sind allerdings beide der Meinung, sie könnten diese Ebene – wie auch immer – erreichen und mehr als nur Vermutungen darüber anstellen. Dem Theist dienen meist die Offenbarungsgeschichten seiner Religion als Quellen des angeblichen Wissens über jene Ebene. Der Atheist dagegen erliegt einem logischen Irrtum: Mit dem Agnostiker ist sich der Atheist darüber einig, dass die Vorstellungen des Theisten unwissenschaftlicher Unfug sind. Dann aber geht er einen Schritt zu weit und schließt fälschlicherweise, dass es überhaupt keinen Schöpfer geben kann, wenn es keinen menschlich erdachten Schöpfer gibt.

    Tatsächlich ist es so, dass sowohl der Theist im Irrtum ist (siehe oben), aber der Atheist ebenso. Denn während der Theist behauptet, es müsse einen bestimmten, menschlich erkennbaren Schöpfer geben, konstatiert der Atheist, es könne keinen Schöpfer irgendeiner Art geben. Beides sind konkrete Aussagen über eine Ebene, von der keine Aussagen gemacht werden können. Wer sich „Atheist“ nennt, erliegt demselben unwissenschaftlichen Irrtum wie der Theist.

    Aber ich bin mir sicher, dass viele Menschen „Agnostiker“ meinen, wenn sie „Atheist“ sagen!