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„Wer heilt, hat recht!“ Völlig richtig, es handelt sich dabei sogar um den impliziten Grundsatz der sog. „evidenzbasierten“, der modernen, akademischen, westlichen Medizin. Wenn die Wirksamkeit und relative Unschädlichkeit einer Methode empirisch erwiesen ist, wird sie für gewöhnlich Eingang finden in die alltägliche Medizin. Ist eine Methode dagegen – ebenfalls empirisch erwiesen – wirkungslos, so handelt es sich um Scharlatanerie, die in der Medizin nichts verloren hat. Der Satz „Wer heilt, hat Recht!“ wird kurioserweise oftmals von den Vertretern wirkungsloser Methoden, also von Scharlatanen, bemüht. Sie gehen davon aus, dass ihre Methoden deshalb nicht anerkannt werden, weil die angebliche Wirkung sich nicht erklären lässt. Dabei ist dies kein Kriterium dafür, ob eine Methode in die akademische Medizin Einzug hält, oder nicht – so ist der vollständige Wirkmechanismus von Paracetamol, einem im 19. Jahrhundert entdeckten Schmerzmittel, bis heute nicht bekannt. Der Grund, warum Scharlatanerie nicht anerkannt wird, ist so simpel wie einleuchtend: Sie ist unwirksam.

Im Gegensatz zur komplexen Erklärung des Wirkmechanismus („Wie wirkt eine Methode?“), ist die Frage der Wirksamkeit („Wirkt eine Methode überhaupt?“) relativ einfach zu beantworten: Eine mehr oder weniger umfangreiche Doppelblindstudie genügt, um zumindest zu erkennen, ob die fragwürdige Methode durchschlagenden Erfolg bringt, oder aber keine signifikante Wirkung vorliegt. Aber auch der angebliche Wirkmechanismus spielt in der Scharlatanerie eine große Rolle: Oftmals liegt einer unwirksamen Methode ein mehr oder weniger komplexes Theorienmodell zugrunde, anhand dessen die angebliche Wirkung ebenso angeblich zweifelsfrei erklärt wird. In vielen Fällen können diese „Theorien“ (die diese Bezeichnung eigentlich nicht verdient haben) selbst von fachfremden Laien problemlos widerlegt werden, was aber die gutgläubigen Anhänger nicht hindert, weiterhin die angebliche Wirksamkeit und Überlegenheit ihrer Methode zu propagieren (und oftmals enorme Geldsummen daran zu verschwenden).

Nun leben wir glücklicherweise in einem freien Staat, und jeder kann glauben, woran er möchte. Allerdings ist die akademische Medizin eine Institution, die sicherstellt, dass ein hilfesuchender Laie dort nur mit wirksamen Methoden in Kontakt kommt. Das schließt nicht aus, dass auch in der akademischen Medizin Ärzte- und Therapiefehler vorkommen, dass Methoden sich als schädlich herausstellen etc., aber es garantiert, dass Fehler behoben und schädliche Methoden ersetzt werden. Gegen diese Institution wird allerdings seit längerer Zeit ein Krieg geführt, der den Augen der Öffentlichkeit bislang verborgen blieb: Unter dem Deckmantel „alternativer“, „sanfter“ und „natürlicher“ Medizin, metastasiert die Scharlatanerie, allen voran die Homöopathie, in die tiefsten Organe der akademischen Medizin. Homöopathie ist unwirksam, das ist ein mehrfach belegter Fakt. Die angebliche Wirkung wurde empirisch widerlegt, der angebliche Wirkmechanismus ist unhaltbar und entbehrt jeder Logik und Wissenschaftlichkeit. Dennoch findet die Homöopathie Einzug in die bundesweit festgelegte Approbationsordnung für die Apotheke. Und auch zahlreiche Ärzte bieten unwirksame Therapiemethoden und Medikamente an, nachdem ihnen diese im Studium unkritisch gelehrt wurden.

Diese Entwicklung scheint aber niemanden zu interessieren. Dabei handelt es sich um einen Angriff auf die Grundfesten der Wissenschaft! Wenn wissenschaftliche Prinzipien erst einmal in einem Bereich außer Kraft gesetzt sind, dann ist ein Einfallstor in den gesamten wissenschaftliche Apparat für krude, unwissenschaftliche Behauptungen aller Art geöffnet. Denn wer erst einmal Rang und Namen im wissenschaftlichen Diskurs erlangt hat, der hat damit auch Macht. Und wenn in der Wissenschaft die Scharlatanerie an Macht gewinnt, dann können die „alternativen“, „sanften“ und „harmlosen“ (und definitiv: unwirksamen) medizinischen Methoden mutieren in politische, totalitäre, menschenfeindliche Ideale.

Das klingt vielleicht allzu unglaublich, aber nehmen wir nur die Anthroposophie als Beispiel: Sie lehrt neben allerlei pädagogischen Methoden auch den Rassismus – der Weiße sei der überlegene Mensch. Sobald das strenge wissenschaftliche Regelwerk (Falsifizierbarkeit, Plausibilität und Relativität) von unnachprüfbaren, kruden und absoluten Dogmen unterwandert wird – und das ist in diesem Moment der Fall! – ist der Weg bereitet für alle Arten von Scharlatanen, Betrügern, Tyrannen, Hetzern und Fanatikern.

Der Text wurde angeregt durch zwei Blogartikel: [1], [2]

Mensch, Natur und Evolution

15. Oktober 2012

Im Zusammenhang mit sog. Zivilisationskrankheiten und anderen Problemen, die für den Menschen durch die Moderne entstehen, wird aus gewissen Kreisen immer wieder verlautbar, dass der Mensch keine Rücksicht auf seine Natur lege, dass er sich von seiner Natur entartet habe, dass er nicht mehr naturgemäß lebe. Diese Aussagen sind, abgesehen vom mitschwingenden Pathos, nicht grundsätzlich falsch, wie gleich erörtert werden soll. Zunächst aber darf nicht fehlen, was dieselben Kreise ganz selbstverständlich aus diesen Feststellungen für Schlüsse ziehen: Der Mensch müsse zurück zur Natur finden, er müsse dem modernen, schädlichen Leben entsagen – anders gesagt: Das moderne Leben sei grundfalsch. Das einzig Grundfalsche sind aber jene haarsträubenden Schlüsse. Es ist ein logisches Paradigma, dass aus Sein kein Sollen geschlossen werden kann, anders gesagt: Nur weil etwas ist, ist es nicht automatisch gut. Konkret: Nur weil die Natur dem Menschen ein anderes Leben versucht zu diktieren, muss es nicht der richtige Weg sein, diesem Diktat zu folgen.

Es ist in weiten Teilen der Gesellschaft der Glaube verankert, die Natur sei „gut“. Dieser Glaube basiert auf romantischen Vorstellungen über die Natur, welche erst vor wenigen hundert Jahren entstanden. Tatsächlich ist die Natur von sich aus weder „gut“, noch „böse“, denn moralische Kategorien konnten erst mit dem Menschen entstehen. Wenn ein Meteoriteneinschlag oder ein Atomkrieg alles Leben auf der Erde vernichtet, stört sich nur der Mensch daran. Was wir sehnsüchtig-romantisierend als „Natur“ bezeichnen, ist das Resultat eines nach menschlichen Maßstäben grausamen Mechanismus: Der Evolution. Die Evolution kennt kein Gut und Böse, sie kennt kein Mitgefühl, sie kennt überhaupt keine Gefühle. Ihr einziges Wirken ist das Aussondern des Ungeeigneten, und dieses Aussondern kann äußerst brutal vor sich gehen.

Der Mensch hat sich nun in weiten Teilen der Evolution am eigenen Leib entsagt: Medikamente und andere Therapien heilen Krankheiten, Staaten zügeln das menschliche Temperament, technologischer Fortschritt verbessert den Menschen über alle Maße. Daraus wird auch klar, weshalb der populäre Ausruf „Zurück zur Natur“, also zurück in die Klauen der Evolution, absoluter Unsinn ist: Der Mensch hat zwar Probleme, die durch das moderne Leben hervorgerufen werden, aber verglichen mit den Problemen, die ihm die Evolution bereiten würde, verließe er den Schutzbunker der Zivilisation und träte er hinaus in den ungezügelten, ewigen Bombenhagel der Evolution, ist das moderne Leben ein gottgleicher Segen. Um das zu belegen, genügt es, die durchschnittliche Lebensdauer eines Menschen heute mit jener vor einigen tausend Jahren zu vergleichen.

Nun wurde aber zu Beginn gesagt, die Entsagung von der Evolution bereite dem Menschen gewisse Probleme. Ein gewaltiges und tatsächlich kaum zu übersehendes Problem ist die Zunahme der Fettleibigkeit überall dort, wo Wohlstand herrscht. Der Mensch ist evolutionär auf ein Leben im Nahrungsmangel angepasst. Sein Körper ist darauf ausgelegt, zu essen, sobald Nahrung verfügbar ist, und diese Nahrung effektiv zu verarbeiten. Wenn der akute Hunger gesättigt ist, wird überschüssig aufgenommene Nahrung nicht unverdaut ausgeschieden, sondern in Fett gespeichert, sodass in Notzeiten nicht der sofortige Hungertod droht. Die schrittweise Befreiung des Menschen aus der Evolution hatte zwei Folgen, die zu vielen heutigen Problemen führte:
1) Der Mensch erschaffte sich einen Lebensraum, der so viel Leid wie möglich von ihm nahm – dazu gehört auch Nahrung im Überfluss.
2) Die Evolution wirkt nur noch schwach auf den Menschen, sodass eine Anpassung an heutige Lebensumstände kaum erfolgen kann – Kranke und Behinderte etwa werden (zum Glück!) nicht ausgesondert, sondern ihnen wird geholfen.

Daraus aber den Umkehrschluss abzuleiten, es wäre gut und richtig, „zurück zur Natur“ zu finden, ist, wie wir gesehen haben, hanebüchener Unsinn! Gut und richtig ist dagegen, den Verstand und den freien Willen zu nutzen, um sich nicht hemmungslos an den Vorzügen der Moderne zu ergötzen, ohne die möglicherweise schädlichen Konsequenzen zu sehen. Der Mensch sollte die ethische Richtung beibehalten, die er – dessen unbewusst – einschlug, als er sich als einziges Wesen auf der Erde gegen die Evolution, gegen die Natur stemmte: Die Minimierung von Leid.

Es gibt eine kleine Gruppe von Menschen, welche die Glaubensfrage nicht etwa mit „An Gott!“ oder „An Allah!“ beantwortet, sondern mit „An die technologische Singularität.“. Was verbirgt sich hinter diesem seltsam anmutenden Satz? Der Glaube an die technologische Singularität (kurz: einfach nur „Singularität“) unterscheidet sich grundlegend von allen anderen Glaubenssystemen, und zwar so weit, dass dahinter nicht einmal eine Religion steckt. Dennoch beschreibt der Begriff Glaube die Beziehung jener Menschen zur Singularität sehr gut: Sie hoffen auf die Erlösung. Jedoch nicht auf Erlösung im religiösen, sondern im rein technischen Sinn. Dabei ist ihre Argumentation, ihr Glaubenssystem, für Nicht-Gläubige weder unbegreiflich noch unglaubwürdig, sondern zwar sehr fantastisch, dabei aber durchaus plausibel und logisch. Worum geht es also?

Betrachtet man die Entwicklung der Menschheit, so fällt auf, dass sie zunächst sehr langsam vor sich ging, aber in den letzten Jahrhunderten immer schneller an Fahrt aufnimmt. Aus dieser Feststellung wird ein Gesetz abgeleitet, das besagt, dass der wissenschaftliche Fortschritt exponentiell zunimmt. In einfachen Worten: Die Geschwindigkeit(!) der Entwicklung der Menschheit nimmt immer mehr zu. Das wiederum bedeutet, dass große Innovationen in immer kürzeren Abständen erfolgen. Auf Computerelektronik bezogen heißt dieses Gesetz „Moore’s Law“ und wurde unabhängig von der Singularität schon vor einigen Jahrzehnten aufgestellt und von der Realität mittlerweile mehr als bestätigt. Was ist nun aber die Singularität?

Wenn der technische Fortschritt, so die Singularisten, den Punkt erreicht hat, an dem Computer das menschliche Gehirn komplett simulieren können, werden sie ein Bewusstsein entwickeln, und, was noch viel wichtiger ist: Computer werden sich selbst verbessern, und das in einer Geschwindigkeit, die der Mensch nicht mehr erfassen kann. Ab diesem Zeitpunkt (der schon sehr bald erreicht sein könnte), ab der technologischen Singularität, werden in kürzester Zeit alle akuten Probleme der Menschheit behoben sein. Selbst der Tod wird keine Gefahr mehr darstellen, da der Mensch durch Genetik, Computertechnologie und Nanotechnologie unsterblich wird.

Es klingt, wie gesagt, fantastisch. Zu fantastisch, um wahr zu sein. Aber nüchtern betrachtet könnte es tatsächlich zu dieser Entwicklung kommen – es könnte, muss aber nicht zwangsläufig. Und das ist der Punkt, an dem sich viele Singularisten von religiösen Gläubigen unterscheiden: Diese glauben, indem sie fest davon überzeugt sind, dass ihre Religion die Wahrheit verkündet und lassen keine andere Vermutungen zu. Jene glauben, indem sie hoffen – sie hoffen, dass eine durchaus plausible und logische Zukunft tatsächlich eintritt.

Natürlich gibt es viele Einwände: Was, wenn sich die Menschheit vor dem Erreichen der Singularität selbst vernichtet? Was, wenn Computer kein Bewusstsein entwickeln können? Was, wenn selbst-bewusste Computer sich gegen die Menschen wenden? Und noch viele mehr. Die Thesen der Singularisten sind aber in jedem Fall plausibler und logischer als jede Religion der Welt, und ich hoffe lieber auf die Singularität, als blind in ein Glaubenssystem zu vertrauen, dessen einzige Stütze irgendwelche Erzählungen sind.

Geplante Obsoleszenz

5. Oktober 2012

UPDATE

Die sogenannte geplante Obsoleszenz ist eine der Säue, die momentan durch das antikapitalistische Dorf getrieben wird. Der scheinbare Beweis für die unmoralische, menschenfeindliche, geldgierige und betrügerische Seele der freien Marktwirtschaft. Der Begriff beschreibt den bewussten Einbau von Sollbruchstellen in Produkte, damit diese nach einer bestimmten Zeit entweder unbrauchbar oder nur teuer zu reparieren sind. Auf den ersten Blick kann man tatsächlich nichts Gutes an einer solchen künstlichen Lebenszeitverkürzung von Produkten sehen.

Der zweite Blick offenbart dagegen ein schlagendes Argument, welches die geplante Obsoleszenz in ein anderes Licht rückt: Stellen wir uns das Gegenteil vor – die völlige Abwesenheit jeder geplanten Obsoleszenz. Tatsächlich wäre es heute ohne weiteres möglich, sehr viele Produkte so zu produzieren, dass sie mit nur wenig Wartung ein Leben lang halten würden. Man müsste sich nur noch einmal im Leben ein Auto kaufen, ein Handy, einen Anzug und so weiter. Was würde das aber für einen modernen Automobilbauer bedeuten? Für ein Unternehmen wie VW, BMW, Hyundai oder Toyota? Zunächst müssten sie die Produktion drastisch drosseln. Denn statt alle sechs Jahre kauft sich ein Kunde im Schnitt von nun an nur noch alle sechzig Jahre einen Neuwagen. Das wiederum würde die Geschäftsleitung vor eine schwierige Entscheidung stellen: Entweder es werden massiv Arbeitsplätze abgebaut, oder die Autos werden massiv verteuert. Denn wenn nur noch 10 % der bisherigen Verkäufe getätigt werden, sinkt eben auch der Umsatz auf 10 %, wenn die Preise gleich bleiben. Im internationalen Wettbewerb können aber Preise nicht einfach um ein vielfaches angehoben werden (ein Gesetz, das wir dem Kapitalismus zu verdanken haben), also werden Stellen abgebaut – nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus unternehmerischem Kalkül. Würden keine Stellen abgebaut, wäre das gesamte Unternehmen alsbald insolvent und alle Mitarbeiter stünden auf der Straße. Dieses Horrorszenario ist aber gottseidank nicht Wirklichkeit, und Produkte haben eine begrenzte Lebensdauer. Damit ist die gleichbleibende Nachfrage nach neuen Produkten und somit der Erhalt von Millionen von Arbeitsplätzen im Produktionssektor weltweit und somit Einkommen und Auskommen von Millionen von Individuen und Familien gesichert. Doch damit nicht genug – florierende Unternehmen können nicht nur hohe Gewinnausschüttungen an Aktionäre tätigen (auch wenn dies das Einzige ist, das Kapitalismuskritiker wahrnehmen), sie können auch in Forschung und Entwicklung investieren – und dies wird auch gemacht, wenn Interesse an einem langfristigen Erhalt des Unternehmens besteht.

Letztlich wäre ich aber nicht besser als der wütende Kapitalismuskritiker-Mob, würde ich im Schwarzweiß-Denken verharren. Neben diesem gewichtigen Pro-Argument gibt es selbstverständlich mindestens folgendes Contra-Argument: Geplante Obsoleszenz sollte transparent sein, der Kunde muss wissen, wie lange sein Produkt hält (im Übrigen wäre dies höchst kapitalistisch, da dann ein Wettkampf entstünde, den das Unternehmen gewönne, das die perfekte Balance zwischen Preis und Lebensdauer fände).