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Israel

15. März 2012

Fast die gesamte deutsche Nahost-Wahrnehmung ist geprägt von einem Unwissen der Umstände. Wenn die durchaus korrekte und faktisch belegte Aussage des potentiellen republikanischen Präsidentschaftskandidats Newt Gingrich, die Palästinenser seien ein erfundenes Volk, hier Entrüstungsstürme hervorruft, dann ist dies nur ein Symptom des grotesk verzerrten Blicks auf den Nahen Osten.
Was in Deutschland wahrgenommen wird, ist ein starker Jude und ein schwacher Palästinenser und die daraus angeblich resultierende Unfairness zu Lasten der Palästinenser wird dem Juden vorgeworfen. Die Begriffe „Jude“ und „Palästinenser“ sind hier ganz bewusst gewählt, denn es drückt sich in dieser (explizit „Israelkritik“ genannten, implizit und tatsächlich aber „Judenkritik“ gemeinten) Kritik ein Rechtfertigungsmechanismus aus, der seine Wurzeln in der Niederlage des Zweiten Weltkriegs hat: Wenn der Jude wie ein Nazi handelt, dann kann die Erbschuld der Deutschen so schwer nicht wiegen – was dem Nazi der Jude war, ist dem Jude der Palästinenser. Dies ist indes nicht der einzige Faktor, der die deutschen Augen den Nahen Osten nicht so sehen lässt, wie er wirklich ist. In diesem kleinen Artikel soll es aber nicht um die Ursachen gehen, sondern um die Tatsachen: Wie ist denn der Nahe Osten wirklich?

Um das zu begreifen, muss man versuchen, den Standpunkt des Beobachters zu verlassen. Denn von außen lassen sich die Vorgänge in Palästina nicht erklären, und es werden schlüssig klingende, aber falsche Erklärungen vorschnell als ‚wahr‘ erachtet. Ein erstes Aha-Erlebnis bietet uns das Selbstverständnis der Palästinenser: Wie erwähnt, hatte Gingrich mit seiner Aussage, die Palästinenser seien ein erfundenes Volk, recht. Diese Aussage stammt allerdings ursprünglich nicht von Gingrich, sondern von einem Palästinenser-Vertreter selbst. Und sie lässt sich verifizieren durch die Tatsache, dass die Juden vor der Staatsgründung Israels sich selbst „Palästinenser“ nannten – die dort lebenden Araber (die Vorfahren der heutigen Palästinenser) zu der Zeit aber nicht. Ferner ist hier das endlose Fass zu öffnen, wie ‚Volk‘ überhaupt definiert ist. Nach überkommener Blut-und-Boden-Definition, die ‚Volk‘ als Resultat von genetischer und geographischer Herkunft definiert, sind die heutigen Palästinenser Jordanier. Nach eher aktueller kultureller Definition und nach ihrem Selbstverständnis, sind die heutigen Palästinenser Muslims. Für einen gläubigen Muslim nämlich ist die Zugehörigkeit zur Umma, also zur islamischen Gemeinschaft, die erste und wichtigste Identifikationseinheit. Die Nationalität ist nebensächlich und wird im Nahost-Konflikt als Legitimation verwendet, um den Ofen am Brennen zu halten.

Aber wie sieht es in geopolitischen Kategorien aus? Für den westlichen Beobachter scheint es eindeutig, dass den Palästinensern das Recht auf ein eigenes Land und auf ein selbstbestimmtes Leben vorenthalten wird. Zunächst: 20 % der israelischen Bevölkerung sind Araber, die dieselben Rechte genießen wie alle anderen Israelis auch – und somit ein freieres und selbstbestimmteres Leben führen können, als alle anderen Einwohner der totalitären Anrainerstaaten. Freilich geht es dem pöpelnden Durchschnittsdeutschen darum gar nicht: Ihm ist völlig egal, wie es den Individuen geht, viel wichtiger ist ihm (ganz im Sinne der volkstümelnder Ideologien des vorigen Jahrhunderts) die „Freiheit der Nation“, wie auch immer die von der Nähe betrachtet definiert sein soll. Kurz: Wieso bekommen „die Palästinenser“ keinen eigenen Staat? Erstens: Weil die Araber keinen wollten. Das war zumindest die Entscheidung zum Vorschlag der Peel-Kommission 1937, Palästina zu einem Viertel den Juden und zu drei Vierteln den Arabern (!) zu überlassen. Bis dahin war Palästina britisches Mandatsgebiet, und recht menschenleer (1922: 25 Einwohner pro qkm; Deutschland zum Vergleich, etwa zur selben Zeit: 133 Einwohner pro qkm).  Die Begründung der Peel-Kommission für eine Zweistaatenlösung war übrigens symptomatisch: Ein einziger Staat sei aufgrund des unter den Muslimen verbreiteten Antisemitismus unmöglich. Zweitens: Weil sie bereits einen haben. Transjordanien wurde als arabischer Staat ebenfalls aus Britischem Mandatsgebiet heraus gegründet und machte 78 % des gesamten Mandatsterritoriums aus. Und egal, wie die „Palästinenser“ nun definiert sein mögen – als arabische Jordanier oder als Moslems – in Transjordanien wären beide Definitionen untergekommen. Allerdings darf hier in aller Kürze auch an den Wert der Palästinenser als strategische Masse der arabischen antisemitischen Staaten und Irans hingewiesen werden: Kein arabischer Staat möchte Palästinenser aufnehmen, auch Ägypten hat einen Grenzzaun errichtet, und Unterstützung erfahren die Palästinenser hauptsächlich durch Waffenlieferungen. Aus dem einfachen Grund, dass dadurch der Nahostkonflikt am Schwelen gehalten wird.

Stichwort „Grenzzaun“: Vielleicht DAS Symbol der unterstellten Unmenschlichkeit, Ungerechtigkeit und des angeblichen Rassismus Israels gegenüber der Palästinenser. Durch dieses sinnbildhafte Bauwerk werden KZ-Vergleiche unmittelbar plausibel, ohne auf lästige Fakten zurückgreifen zu müssen. Denn die Mauer, die Verschiedenartige voneinander trennen sollte, war im KZ für den Blick von innen wie den Blick von außen allgegenwärtig. Zu leicht verfällt man dem Glauben, Ähnliches müsse gleich sein. Doch viel mehr Identität zwischen KZ-Mauer und israelischen Sperranlagen außer dem visuellen Element findet sich nicht: Die israelischen Sperranlagen wurden als Reaktion auf die immer größer werdende Zahl der zivilen Opfer im Zuge der zweiten Intifada als Schutz vor palästinensischen Selbstmordattentätern errichtet – mit überragendem Erfolg.

Der nächste Punkt soll vom Relativismus handeln, den wir Europäer nur zu gerne zelebrieren. Egal, was jemand tut, er wird seine guten Gründe dafür haben. Seien sie individueller, kultureller oder monetärer Natur. In dieser (durchaus korrekten, wenn auch unvollständigen) Feststellung ist allerdings noch keine moralische Rechtfertigung enthalten – diese wird aber nur zu gern dazufabuliert, und zwar, wenn es sich um (vornehmlich) kulturelle Gründe handelt: Frauen werden gesteinigt, Schwule an Baukränen aufgeknüpft und der Begriff „Menschenrechte“ ist unbekannt. Egal, schließlich entspricht das deren Kultur und ist folglich gut und richtig. Ich denke, dazu muss man weiter nichts sagen, die Absurdität dieser Denkart überrollt einen geradezu.

Durch diesen Relativismus schützt man sich allerdings vor dem unangenehmen Akt des Einfühlens, der Faktensichtung und der Interpretation. Dieser bringt einen nämlich zu folgendem Ergebnis: Den Palästinensern geht es nicht um eine friedliche Koexistenz mit Israel, sondern es geht ihnen – wie den meisten arabischen Staaten und dem Iran – langfristig darum, Israel auszulöschen. Mit den Worten Ahmadinejads: „[L]ike a cancer cell that spreads through the body, this [the Zionist; d.Verf.] regime infects any region. It must be removed from the body.“ Der palästinensische Part des Plans ist dabei, den Schwelbrand Nahostkonflikt am Brennen zu halten und dabei Israel als menschenfeindliches, bösartiges Regime darzustellen. Darum scheuen palästinensische Attentäter auch nicht davor zurück, Frauen und Kinder abzuschlachten, wenngleich es eine viel effektivere, ebenfalls gern angewandte Methode gibt, Israel international zu delegitimieren: Raketen werden von Wohngebieten, Schulen, Friedhöfen aus gestartet, damit der erhoffte israelische Vergeltungsschlag möglichst viele palästinensische Zivilisten tötet.

Dass die israelische Luftwaffe vor einem Angriff Flugblätter verteilt, auf denen die Bevölkerung (und leider auch die Ziele) gewarnt und angehalten wird, ihre Häuser zu verlassen, findet in der Berichterstattung allenfalls in zynischen Nebensätzen Erwähnung. Dass israelische Sanitäter und Ärzte um das Leben jedes Menschen, selbst um das überlebender palästinensischer Radikaler und Selbstmordattentäter kämpfen, während letztere versuchen, so viele israelische Zivilisten wie nur möglich zu massakrieren, interessiert ebenfalls nicht.

Last, but not least: Israel ist ein demokratischer Staat, in dem Menschenrechte geachtet werden. Die palästinensischen Führungsorganisationen Fatah und Hamas sind autoritäre und extremistische Gruppierungen, die Menschenrechte (speziell: Frauenrechte) mit Füßen treten. Sie würden im Falle einer Staatentrennung über das Schicksal des arabischen Palästina verfügen. Alle antizionistischen und antisemitischen (ein erstaunlich synonymes Begriffspaar) umliegenden arabischen Staaten sind ebenfalls autoritär beherrscht – und können als Beispiele dafür gesehen werden, wie ein autonomes Palästina aussehen würde: Autoritär beherrscht, anti-indiviualistisch und Umma-kollektivistisch geprägt, misogyn, Minderheiten-hassend und antisemitisch gelebt.

Es wird nur selten explizit gesagt, aus Angst, die Direktheit und Plakativität würde  Stürme der Entrüstung auslösen – besonders in Deutschland hasst man die Errungenschaften der Zivilisation so sehr, dass man keinen kritischen Blick über deren Grenzen hinaus wagt, dass kleine Kritikpunkte am Vertrauten schwerer wiegen als große Kritikpunkte am Fremden:

Israel leuchtet als eine einsame und kleine Fackel der Aufklärung im Nahen Osten. Es ist weniger der technologische Vorsprung, sondern vielmehr der humanistische, der Israel von seinen Nachbarn abgrenzt. Wer die palästinensische Autonomiebewegung unterstützt, der unterstützt mittelalterliche Rechtsvorstellungen und -umsetzungen, Menschenbilder, Gesellschaftsordnungen und Mentalitäten. Konkret: Gesteinigte Ehebrecherinnen, gesteinigte Vergewaltigte, gesteinigte Homosexuelle, aufgeknüpfte Homosexuelle, abgehackte Gliedmaßen, ausgepeitschte Leiber, erzwungenen Islam, verhüllte Haut, Verbot der Meinungsäußerung,  Verbot von Genussmitteln, und endlos mehr. Kurz: Die Auslöschung des Individuums zugunsten der Umma, der islamischen Gemeinschaft.