Qui Bono?

March 13th, 2013

Dass Medien nicht immer die Wahrheit verbreiten, ist mittlerweile ein Allgemeinplatz. Dennoch oder gerade deswegen fühlen sich meist eher einfachere Gemüter dazu berufen, das Weltbild ihrer Mitmenschen mit dieser Erkenntnis in ihren Grundfesten zu erschüttern. Mit triumphierender Mine und bedeutungsschwangerer Stimme wird dann den Unwissenden erklärt, wie wenig man sich auf die Medien verlassen dürfe, dass man alles hinterfragen müsse und dass ohnehin immer gelte: “Qui bono?”

Nun ist das sicherlich nicht grundfalsch, und kritisches Denken ist immer gut, aber was bei derlei überheblichen Wichtigtuerei mitschwingt, hat mit Kritik und Denken nicht viel zu tun. Kritisch gedacht wäre, wenn jede Information bestmöglich auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft würde. Dieses Vorgehen benötigt allerdings eine kritische Distanz und Unvoreingenommenheit – zwei Eigenschaften, die unseren Quibonisten völlig unbekannt sind. Denn die haben gelernt, dass man mithilfe einer Abkürzung viel schneller zum Ziel kommt, dabei weniger Nachdenken und weniger Kompromisse eingehen muss! Diese Abkürzung besteht in der Umkehrung jeglicher Information (solange sie zum eigenen, kleinen Weltbild passt): In den Nachrichten wird kritisch über das Assad-Regime berichtet – das Assad-Regime muss das eigentliche Opfer sein! Eine Reportage behauptet, der Iran sei eine gefährliche Diktatur – die wahren Diktatoren müssen im Westen stecken!

Weiterhin interessant ist die Selektivität des Quibonismus! Gewisse Themen werden nämlich bevorzugt “kritisiert”, während andere völlig unkritisch für bare Münze genommen werden. Wird mal wieder die USA oder Israel durchs Dorf getrieben, fühlt sich der Quibonist auf einmal brüderlich mit den Massenmedien verbunden und schätzt sie für ihre Unabhängigkeit und für den Mut, “auch mal” die “eigentlichen Drahtzieher” des Weltgeschehens zu “kritisieren”. Kommt dann aber die Sprache auf die Feindesfeinde, so kann man sich einer erleuchtenden, differenzierten und fairen Einschätzung der jeweiligen Informationen sicher sein. Denn dann heißt es wieder, in Internetforen, beim Stammtisch und zum Mittag: “Qui Bono?”

Eigenlob..

March 5th, 2013

..stinkt, aber einmal im Monat erlaube ich es mir. Ich predige seit Jahren, dass sich in China mit der Zeit die (bisweilen desolate) Situation der Arbeiter zum Besseren wenden wird, und zwar ohne dauernde Kritik (vor allem von bis zur Zimmerwand denkenden Weltverbesserern) an der schrecklichen und unmenschlichen freien Marktwirtschaft, die in China trotz angeblich sozialistischem System vorherrscht. Meine Argumentation dabei ist, dass mit wachsendem Wohlstand der Unternehmen (und damit des Staates) auch Lohn und Arbeitsbedingungen (und mithin Lebensbedingungen) der Arbeiter zunehmend verbessern. Beispiele dafür sieht man in der ganzen westlichen Welt. Das Zeitalter der Industrialisierung wird heute als die Epoche der Entmenschlichung begriffen, die Unheil über die Welt brachte. Tatsächlich war es eine schlimme Zeit – ähnlich der Situation in China vor einigen Jahren – aber sie brachte in viel größerem Maße Gutes, denn durch die Aufopferung der Arbeiter konnte die Basis für den Wohlstand und Lebensstandard geschaffen werden, die Millionen von Menschen in Deutschland und der gesamten Westlichen Welt heute genießen. Dabei geholfen haben sicherlich nicht zuletzt auch Forderungen der Arbeiter, aber bestimmt nicht überhebliche Statements wichtigtuerischer Moralapostel aus dem kulturell völlig verschiedenen Ausland (wie heute die Kritik der Arbeitsverhältnisse aus Deutschland an China). Daher, so mein Gedanke, hilft es dem chinesischen Arbeiter nicht, wenn man chinesische Produkte aus blinder Menschenliebe boykottiert. Im Gegenteil: Durch dieses Verhalten steigt die Gefahr, dass die ohnehin schon marginalen Löhne weiter gekürzt werden oder zahlreiche Arbeitsplätze gestrichen werden. Ein Effekt, der die Ärmsten am stärksten trifft.

In China ist derweil die Mittelschicht so stark am Wachsen, dass das Straßennetz in den Großstädten völlig überfordert ist, da so viele Chinesen plötzlich die Mittel haben, sich den Luxus eines eigenen Autos zu gönnen. Und nun verspricht auch die chinesische Regierung, dass “Sozialprogramme […] künftig Priorität erhalten, wirtschaftliche Entwicklungsvorhaben dafür zurück genommen” werden. Natürlich stößt eine Einmischung der Regierung in Privatangelegenheiten jedem Liberalen sauer auf, aber wenn hinter dieser Aussage die Einführung eines menschenrechtlichen Mindeststandards steht, ist sie nur zu begrüßen.

Die Moralapostel sehen das natürlich nicht ein, sprechen von einer Bändigung der Bestie Marktwirtschaft (o.ä.) und sind zu blind, um zu erkennen, dass diese Entwicklung dieser “Bestie” überhaupt erst zu verdanken ist. Aber sie schreien weiter nach staatlicher Steuerung, Regelung und Regulierung, und die deutsche Demokratie – immer dem Willen des Volkes hinterher – rennt weiter mit verbundenen Augen in Richtung Abgrund.

Zusammengefasst: Ich hatte Recht, die empörten Gutmenschen (ich mag das Wort eigentlich nicht, aber hier passt es so gut) natürlich und wieder einmal Unrecht.

Vor einigen Monaten verfasste ich einen kurzen Artikel zur geplanten Obsoleszenz, also der bewussten Lebenszeitverkürzung von Produkten. Obwohl ich dem Thema persönlich kritisch gegenüberstehe, wählte ich einen vorsichtigen Pro-Standpunkt, um den Mob aus der Reserve zu locken. Und was soll ich sagen? Es hat funktioniert! Ich wurde gleich zwei Mal in den Weiten des Netzes verlinkt – einmal in einem verwaisten Forenthread, ohne weitere Reaktion, und einmal auf Facebook, in der vielsagenden Gruppe “Gegen geplante Obsoleszens”. Ein paar Ausschnitte:

Der hat bestimmt VWL studiert…
shitstorm him!
hat mit Sicherheit auch kein besonders heller Kopf geschrieben (wenn man das aus rechtschreibsicht mal vermuten darf)
ein sehr guter Link, zeigt er doch, wie die unreflektierte Masse denkt – massenmedial meinungsgesteuert
Der Typ ist einer von “nach mir die Sintflut”. Es stimmt schon was er sagt. Aber er denkt halt nur bis zum Tellerrand. Oder wie man in Bayern sagt von 12.00 Uhr bis Mittag
Ja. Pauschalaussagen eines massenmedial meinungsgesteuerten Ewig-Gestrigen.

Fairerweise muss ich erwähnen: Es gab durchaus etliche sachbezogene Kommentare, die ich so nicht erwartet hätte und die mich hoffen lassen. Allerdings wurde auch mehrfach das Fehlen einer Kommentarfunktion in meinem Blog bemängelt – eventuell fehlte es einfach an Angriffsfläche. Im Endeffekt war die gesamte “Diskussion” eine einzige Selbstbestätigung der Autoren und ihrer gemeinsamen Sache, was mich zu einem Internet-weiten Problem bringt: Gerade diskussionswürdige und polarisierende Themen werden im Netz oft nur von einer Seite behandelt, da sich die Anhänger einer Meinung an einer anderen Stelle zusammenrotten als die Anhänger einer anderen Meinung. In den so gebildeten Communities werden abweichende Meinungen nicht akzeptiert, daraus ergibt sich dann diskursiver Stillstand, und die schier endlosen intellektuellen Möglichkeiten des Internets bleiben ungenutzt. Ironischerweise bezeichnen gerade die Vertreter des dort vorherrschenden Mainstreams den Vertreter einer anderen Meinung etwa als “massenmedial meinungsgesteuerten Ewig-Gestrigen”.

DER UNTERSCHIED ZWISCHEN WISSENSCHAFTLICHER UND AKADEMISCHER ARBEITSWEISE

Es gibt einen Unterschied zwischen wissenschaftlicher Arbeitsweise und akademischer Arbeitsweise, wenngleich die beiden Begriffe gerade von Vertretern der akademischen Zunft gern synonym verwendet werden. Dabei ist diese Gleichsetzung im Grunde ein Produkt akademischer Hybris, denn die jeweiligen Definitionen beider Begriffe sind auf völlig anderen Ebenen angesiedelt. Beiläufig eine Definition von wissenschaftlicher und akademischer Arbeitsweise zu formulieren wäre dagegen ein Produkt meiner höchsteigenen Hybris, dennoch möchte ich versuchen, genannten Unterschied in Ansätzen herauszustellen.

Der grundlegende Unterschied, wie bereits angedeutet, sind die verschiedenen Ebenen, auf denen sich beide Begriffe bewegen: Die Akademische Arbeitsweise basiert auf der wissenschaftlichen Arbeitsweise, das heißt erstere kann ohne letztere nicht existieren, letztere ohne erstere dagegen schon. Um zu begreifen, wie die akademische Arbeitsweise aussieht, müssen wir also zunächst die allgemeinere wissenschaftliche Arbeitsweise verstehen. Die Definition von Wissenschaft ist indes so komplex, dass sich ein eigener Teilbereich in der Philosophie zu diesem Thema gebildet hat – die Wissenschaftsphilosophie.
Ich möchte mich im Folgenden auf Karl Popper beziehen, dessen Wissenschaftstheorie zumindest in ihren Grundzügen heute immer noch mehr oder weniger anerkannt ist. Die Essenz dieser Theorie ist nachfolgende Aussage: Ein Satz ist dann wissenschaftlich, wenn er falsifizierbar ist. Etwas verständlicher ausgedrückt bedeutet dies, dass jede Aussage nachprüfbar sein muss, wenn grundsätzliche wissenschaftliche Kriterien erfüllt sein sollen. Ein paar Beispiele: Die These, dass Benzin unter bestimmten, exakt definierten Bedingungen entflammt, ist nachprüfbar, somit ist diese These wissenschaftlich – unabhängig davon, ob sie tatsächlich stimmt! Die These, dass Benzin sich unter der Einwirkung Gottes zu Gold verwandelt, ist dagegen nicht nachprüfbar (wie sollte man Gott auch zur Mitarbeit überreden?) und somit nicht wissenschaftlich.
Hätte es Popper allerdings bei dieser Minimaldefinition belassen, wäre er schon bald des Positivismus bezichtigt worden (er wurde es aufgrund der Unkenntnis seiner Theorie dennoch, aber das soll hier nicht das Thema sein). Radikale Positivisten (zu denen Popper nicht gehört) verneinen die Existenz von nicht-wahrnehmbaren (nicht-positiven) Dingen. Die Wirklichkeit zeigt allerdings, dass wissenschaftliche Erkenntnis oftmals aus reiner Spekulation heraus entsteht – die Atomtheorie etwa wurde formuliert, bevor die Möglichkeit bestand, zu überprüfen, ob Atome tatsächlich existieren. Wie steht nun Popper dazu? Er erkennt die Wichtigkeit von Spekulation an, nimmt sie allerdings aus der Wissenschaft heraus. Er nennt die Spekulation Metaphysik, wobei man zwischen plausibler und nicht-plausibler Metaphysik unterscheiden muss (Popper nutzte diese Bezeichnungen nicht, aber sie drücken sehr gut aus, was er meinte). Ein Beispiel für nicht-plausible Metaphysik wäre der christliche Glaube – es ist höchst unwahrscheinlich, dass die christliche Lehre irgendwann wissenschaftlich verifiziert wird, denn weder ist sie in sich logisch, noch gibt es irgendwelche Hinweise, die dafür sprechen. Plausible Metaphysik ist dagegen etwa die bereits genannte Formulierung der Atomtheorie gewesen: Sie war vielleicht nicht gänzlich korrekt, aber sie war plausibel, logisch aufgebaut und viele der Vermutungen trafen, wie man heute weiß, tatsächlich zu (natürlich gab es nicht nur eine Atomtheorie, der Verständlichkeit halber wird aber hier im Singular gesprochen). Diese plausible Metaphysik kann äußerst hilfreich sein für die Wissenschaft, da sie weniger eingeschränkt ist – auch Popper sah das so. Die nicht-plausible Metaphysik dagegen hat mit Wissenschaft nichts zu tun und muss als solche entlarvt und dorthin verwiesen werden, wo sie hingehört und keinen Schaden anrichten kann: In das Reich der Märchen und Geschichten. Daher gehört zu einer weiten Definition von Wissenschaft auch die plausible Metaphysik (Popper bevorzugte eine enge Definition, was aber an seinen Ansichten nichts ändert).
Für unsere Minimaldefinition von Wissenschaft sollte noch ein dritter Punkt angesprochen werden: Die Wahrheitsfrage. Nach Popper gibt es eine absolute Wahrheit, also eine völlig objektive Wirklichkeit – der Mensch kann sie aber nie finden, oder besser: Selbst wenn er sie findet, wird er nie sicher sein, ob es sich tatsächlich um die Wahrheit handelt. Mit der Falsifikationsmethode, also mit der beharrlichen Überprüfung aufgestellter Thesen und Theorien und mit dem konsequenten Verwerfen falscher Thesen und Theorien, kann der Mensch sich aber an die Wahrheit immer weiter annähern. Die plausible Metaphysik kann dabei ein wichtiger Impulsgeber sein.
Es lassen sich also drei Punkte nennen, die eine Minimaldefinition von Wissenschaft ergeben:
(1) Falsifizierung ist die Basis wissenschaftlichen Arbeitens.
(2) Plausible Metaphysik kann der Wissenschaft wertvolle Impulse geben.
(3) Eine absolute Wahrheit existiert, man kann sich ihr aber nur durch die Falsifikationsmethode annähern.
Unvollständig, dafür in einem Satz: Konkrete Aussagen müssen falsifizierbar, Vermutungen müssen plausibel sein.

Kommen wir nun zur akademischen Arbeitsweise. Diese basiert, wie gesagt, auf der Wissenschaft und befolgt somit die drei Punkte, die wir als deren Minimaldefinition herausgearbeitet haben. Darüber hinaus hat sich aber ein riesiges Sammelsurium an Regeln angehäuft, die befolgt werden müssen, möchte man am akademischen (und im Selbstverständnis der Akademiker eben auch am wissenschaftlichen) Diskurs teilnehmen. Viele Regeln können von Fach zu Fach verschieden sein, einige Grundregeln sind jedoch immer gleich, insbesondere die folgende: Unabhängiges Denken und Arbeiten ist verboten. Möchte man sich akademisch mit einem Thema befassen, so müssen zumindest die Standardwerke gelesen werden. Verfasst man dann einen Text, so müssen die bereits vorhandenen Theorien genannt und auf diese muss aufgebaut werden – das geschieht durch mühsame und minutiöse Zitierung. Im Laufe der Zeit führte diese Regel dazu, dass die Themen und Arbeiten dazu immer spezieller und kleiner wurden, da große, grundlegende Themen bereits abgehandelt waren und man sich auf diese beziehen musste. Das hat natürlich seinen Sinn – das Rad wird nicht mit jedem Text neu erfunden. Innerhalb des akademischen Diskurses ist dieses Regelwerk ein mächtiges Werkzeug, um kontinuierlichen Fortschritt zu ermöglichen. Die plausible Metaphysik indes wurde fast komplett ausgeschlossen. Dies wäre wenig schlimm, würden die Akademiker nicht die gesamte Wissenschaft für sich vereinnahmen, denn durch diesen Anspruch, durch die implizite Behauptung, Wissenschaft sei Akademie, und Akademie sei Wissenschaft, wird die plausible Metaphysik nicht nur von der Akademie, sondern auch von der Wissenschaft ausgeschlossen – die Folgen sind offensichtlich: Die wertvollen Innovationen der plausiblen Metaphysik existieren nicht mehr.
Was wissenschaftliche Standards angeht, so sind diese verschieden von den akademischen: Konkrete Aussagen müssen falsifizierbar, Vermutungen müssen plausibel sein. Diese Standards nehmen eine viel wichtigere Unterscheidung vor, als die akademischen Standards hinsichtlich der Wissenschaft – sie trennen Wissenschaft von nicht-plausibler Metaphysik; von Esoterik und Religion, von Wunderheilern und Astrologen, von Fantasy und Science Fiction, von Täuschern und Betrügern und so weiter. Da aber der akademische Diskurs geschlossen ist und außer über die kaum hilfreiche Populärwissenschaft kein Kontakt zwischen ihm und dem Laien besteht, sucht dieser die Wahrheit bei jenen dubiosen Institutionen und Gestalten, die der nicht-plausiblen Metaphysik huldigen. Kein aufrichtiger Intellektueller wird behaupten (im Gegensatz zu den nicht-plausiblen Metaphysikern), die Wahrheit gefunden zu haben. Und kein aufrichtiger Intellektueller wird behaupten, seine Theorien seien die einzig korrekten.

EINLEITUNG

In einer kleinen Reihe möchte ich den Unterschied zwischen wahrheitssuchendem und wahrheitsvortäuschendem Denken, also zwischen Wissenschaft und Esoterik, eruieren. Die Esoterik hat Hochkonjunktur in unseren Tagen. Und das ist trotz dem augenscheinlichen Gegensatz von moderner, höchst technisierter und verwissenschaftlichter Alltagswelt und unwissenschaftlicher Esoterik leicht zu erklären: Ebendiese verwissenschaftlichte Alltagswelt ist enorm komplex. Alles ist ins letzte Detail erklärbar, aber alles ist auch anzweifelbar, und man muss im Internet nicht lange suchen, um jedes sicher geglaubte Wissen in Frage gestellt zu bekommen.

Nun sorgt zunächst die hohe Komplexität dafür, dass viele Menschen viele Dinge einfach nicht verstehen, weil ihnen die Zeit oder das nötige Vorwissen fehlt, sich mit jenen Dingen näher auseinanderzusetzen. Dennoch ist der Mensch naturgemäß ein neugieriges Wesen, und so sucht er nach Erklärungen für alle Phänomene – auch für die, die er nicht versteht. Nun kommt der zweite Faktor ins Spiel: Die Relativität des sicher geglaubten Wissens. Wissen ist relativ – Theorien von heute können morgen schon überholt sein, und das ist allgemein bekannt. Das Internet bietet nun jenen Personen ein Plattform, die sich die Komplexität der Welt und die Relativität des Wissens zunutze machen: Sie bieten simple Lösungen für komplexe Probleme. Und der Mensch, der eben nicht nur neugierig, sondern auch faul (evolutionsbiologisch würde man wohl eher “nutzenmaximierend” sagen) ist, wird von solchen angeblichen Lösungen wie magisch angezogen, und so bahnt sich die moderne Esoterik ihren Weg in der Gesellschaft. Das so erlangte “Insider-Wissen” (es weicht ja schließlich ab vom “Mainstream-Wissen”) bietet zudem noch einen kleinen Ego-Schub: Man bezeichnet sich als “Freidenker”, “kritischer Geist”, “Skeptiker” oder “Aufklärer” und kontradiktiert damit die eigentliche Bedeutung dieser schönen Begriffe.

Allerdings ist es gar nicht einfach, Wissenschaft von Esoterik zu unterscheiden. Denn die Akademie, also die institutionalisierte Wissenschaft (wie sie an Universitäten oder anderen Einrichtungen betrieben wird), kann bisweilen durchaus esoterische Züge annehmen. Dagegen kann auch eine Einzelperson, die eine Universität noch nie von innen gesehen hat, ebenso wissenschaftlich denken, wie ein Harvard-Professor. Im folgenden Part soll also die folgende Frage behandelt werden: Was ist wissenschaftliches Denken, und wie unterscheidet es sich vom akademischen Arbeiten? Das kurze Essay stammt in weiten Teilen aus meinem in Arbeit befindlichen Buch . In weiteren Teilen soll dann näher auf das Wesen der Esoterik eingegangen werden, sowie auf deren Autoren, Medien und Rezipienten. Außerdem soll in aller Kürze die Sonderstellung der Populärwissenschaft und des Journalismus beleuchtet werden.

Pressefreiheit in den USA, pt.1

December 26th, 2012

Zu Weihnachten kommt die Familie zusammen, das ist sehr schön. Weniger schön sind die politischen Diskussionen, die aus der Mischung von vielen Menschen, allgemeinem Mitteilungsbedürfnis, deutscher Unzufriedenheit und Alkohol erwachsen. Im Grunde sind es normalerweise nicht einmal “Diskussionen”, denn die Meinungen sind erstaunlich einhellig: Man ist sich darüber einig, dass alle Politiker Schweine sind, Amerika der Satan und der Kapitalismus das Verderben der Menschheit ist. Vermutungen werden plötzlich zu Fakten und seit Jahren oder Jahrhunderten widerlegte Verschwörungstheorien werden als Wahrheiten dargestellt. Dabei fühlt man sich ganz furchtbar revolutionär und politisch, scheint man sich doch gegen den unaufgeklärten, leichtgläubigen Mainstream zu stellen. Dass man in Wirklichkeit nur die ewig hohlen Phrasen des tatsächlichen Mainstreams wiedergibt, ist niemandem bewusst; dabei bedarf es hierzulande – frei nach Emma Finkelstein – um Amerika zu kritisieren etwa so viel Mut, wie beim Bäcker Brötchen zu holen.

Um etwas konkreter zu werden: Ich hörte mir einiges kommentarlos an, denn ich habe meine Familie sehr gern und wollte die weihnachtliche Harmonie nicht stören. Zudem weiß ich mittlerweile aus Erfahrung, dass Widersprüche nur zu Wutausbrüchen der Gegenseite führen, denn an Argumentation ist niemand interessiert. Man glaubt, was man glaubt, und möchte sich nicht kritisch hinterfragen (man “hinterfragt” nur alles andere “kritisch”). Als nach ewigem Geschimpfe auf verantwortungslose Manager (die ich auch gern kritisiere, allerdings suche ich nach Lösungen, das ist natürlich nicht gern gesehen; echte Revolutionäre vernichten das herrschende System, sie beteiligen sich natürlich nicht konstruktiv daran) die Sprache dann aber auf die Pressefreiheit in den USA kam, musste ich doch Partei ergreifen. Genauer ging es um den zu erwartenden wirtschaftlichen Aufschwung in den Staaten, ermöglicht durch die riesigen Ölressourcen, die dort bald erschlossen werden können. Das Vorhandensein dieser Ölvorkommen wurde als Propagandalüge(!) bezeichnet, da in den USA ohnehin die CIA das Sagen hätte. Gerade, als man sich wieder in Meinungseinheit zunickte, meldete ich fundamentale Zweifel an. Die Reaktion war ein abruptes Ende der gegenseitigen Bestätigung und ungläubige Blicke in meine Richtung, die in hilflosem Gelächter mündete. Ich machte dann den Fehler und führte nur eine kleine Argumentation an (die erste Argumentation in der gesamten “Diskussion” überhaupt). Kurz gefasst führte ich an: Solange es in den USA zwei politische Parteien mit unterschiedlichen Zielen gibt, die sich gegenseitig, auch mittels Parteimedien, bekämpfen, ist eine einheitliche, landesweite “Propaganda” unmöglich. Natürlich ist das nicht das beste Argument, aber es war das erste, was mir in den (durch Alkohol etwas vernebelten) Sinn kam. Und es war mehr als ausreichend, um das ganze Gerede mit einem Satz zu widerlegen. Anstatt die Niederlage anzuerkennen oder gar ihrerseits zu argumentieren, wurden natürlich ad-hominem-Angriffe geführt – nicht, dass ich etwas anderes erwartet hätte.

Jedenfalls möchte ich nun die Gelegenheit nutzen, die Behauptung, in den USA sei die Pressefreiheit so massiv eingeschränkt, dass man von Propaganda sprechen könne, umfassend zu widerlegen. Zunächst ganz einfach empirisch, in einem zweiten Teil dann logisch-argumentativ. In einem dritten Teil soll dann die Gegenseite selbst analysiert werden: Wieso hasst der Deutsche Amerika? Ein interessantes Thema!

Die empirische Widerlegung ist so eindeutig, dass sie im Grunde ausreicht. Aber ich höre schon die “Argumente” der “kritischen” “Denker”: Die Daten seien gefälscht! Sie seien ein Produkt der Propaganda! Sie seien keine Widerlegung sondern eine Bestätigung ihrer paranoiden antiamerikanischen Wahnwelt! Natürlich ist es Unsinn, aber ich habe gerne Recht, daher Teil 2. Nun aber in aller Kürze die empirische Widerlegung:

Die Vereinigten Staaten von Amerika befinden sich auf der Rangliste der Pressefreiheit (Reporter ohne Grenzen). Das klingt nach einem eher schlechten Platz, aber wenn man sich die Punkteverteilung ansieht, wird klar, dass sich die USA (14,0 Punkte, Platz 47; je mehr Punkte, desto weniger Pressefreiheit) nur marginal von höher platzierten Ländern, etwa Deutschland (-3,0 Punkte, Platz 16) unterscheidet. Unfreie Länder dagegen haben eine wirklich schlechte Wertung, etwa Iran (136,0 Punkte, Platz 175) oder Nordkorea (142,0 Punkte, Platz 178). Der Freedomhouse-Report zur Pressefreiheit 2012 zeichnet ein ähnliches Bild: Die USA hat 18 Punkte (je mehr Punkte, desto weniger Pressefreiheit), Deutschland 17. Beide Organisationen sind NGOs.

So weit, so gut – mehr im nächsten Teil. Nur eins noch. Sollte einer der Betroffenen diesen Blogpost lesen: Nimm es mir nicht übel! Nichts von alledem hier ist persönlich gemeint. Aber wer radikale Meinungen vertritt, muss radikale Antworten ertragen. Da aber eine argumentative, emotionslose Diskussion face-to-face offensichtlich nicht gewünscht ist, wähle ich eben diesen Weg.

In diesem Sinne: Fröhliche Weihnachten!
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“Bevor die Regierung eingriff, waren Milch und Eier teuer; nachdem die Regierung eingriff, begannen Milch und Eier, vom Markt zu verschwinden. Die Regierung erachtete diese Produkte für so wichtig, dass sie eingriff; sie wollte deren Produktion erhöhen und die Versorgung der Bevölkerung damit verbessern. Das Ergebnis war das Gegenteil: der auf Eier und Milch beschränkte Eingriff führte zu einer Situation, die – von Seiten der Regierung betrachtet – noch weniger erstrebenswert ist, als der Ausgangszustand, den die Regierung verändern wollte. Und während die Regierung mehr und mehr in die Wirtschaft eingreift, erreicht sie irgendwann den Punkt, an dem alle Preise, alle Gehälter, alle Zinssätze, kurz: alles im gesamten Wirtschaftssystem von der Regierung bestimmt wird. Und das ist, eindeutig, Sozialismus.”

Frei übersetzt von:

“Before the government interfered, milk and eggs were expensive; after the government interfered they began to disappear from the market. The government considered those items to be so important that it interfered; it wanted to increase the quantity and improve the supply. The result was the opposite: the isolated interference brought about a condition which — from the point of view of the government — is even more undesirable than the previous state of affairs which the government wanted to alter. And as the government goes farther and farther, it will finally arrive at a point where all prices, all wage rates, all interest rates, in short everything in the whole economic system, is determined by the government. And this, clearly, is socialism.”

Ludwig von Mises Institute: Interventionism. Nach: Mises, Ludwig von: Economic Policy. Thoughts for Today and Tomorrow (1979).

Spionagegeier? Spionagegeier!

December 8th, 2012

Um aufzuzeigen, auf welchem geistigen Level Israels Feinde denken und handeln, erwähnte ich vor einiger Zeit die bösen Killerjudenhaie und fiesen Mossad-Spionagegeier. Ich dachte, es handelte sich um kuriose Einzelfälle. Ich lag falsch.

Wirklichkeiten sind nie identisch mit der Wahrheit, und die Wahrheit ist unmöglich erreichbar – das sind erkenntnistheoretische Binsenweisheiten. Allerdings besteht das wissenschaftliche Ideal darin, Wirklichkeiten zu entdecken, die möglichst nahe an die Wahrheit herankommen. Viele Wirklichkeiten erlangt man aber nicht durch die Wissenschaft, sondern durch andere, sehr viel fehleranfälligere Quellen: Die induktiv verarbeitete persönliche Erfahrung, “hörensagen”, und nicht zuletzt durch massenmediale Kommunikation. Hier ist die TV-Dokumentation als besonders schwarzes Schaf zu nennen: Sie versteht es wie keine andere, dem Rezipienten eine Wirklichkeit zu präsentieren, die zugleich höchst ideologiegetränkt und einseitig, aber auch perfekt als objektive Wahrheit getarnt sein kann. Diese Tarnung kann aber auffliegen, etwa wenn die Übersetzung völlig andere Sinngehalte hat, als der Originalton.

So mir aufgefallen bei der deutschen Übersetzung von “War Tapes – Die Nationalgarde im Irak”, einer Dokumentation, die von den Soldaten selbst gefilmt wurde, und deren Originalton im Hintergrund zu hören ist. Mir fielen etliche Stellen auf, die folgende steht aber repräsentativ für den Rest:
O-Ton: “Funny little kids, in the middle of the warzone [unverständlich] get bad as they get older like many of them do.”
Deutsche Übersetzung: “Lustige Schulkinder, mitten im Kriegsgebiet. Kann man nur hoffen, dass sie nicht so bösartig werden, wie die meisten von ihnen, wenn sie groß sind.”
Wo ist der Unterschied? “Many” gegen “die meisten”. Der Soldat meinte, dass VIELE der Kinder später böse werden. Die deutsche Übersetzung impliziert, er meinte, dass DIE MEISTEN der Kinder später böse werden.
Kein Grund, darüber einen ganzen Artikel zu verfassen? Im Gegenteil! Der Unterschied der Übersetzung zum Original mag minimal sein, aber sie eröffnet den Raum für enorme Spekulationen. Zunächst die Frage: Was wird mit dieser Fehlübersetzung erreicht? Der amerikanische Soldat wird undifferenziert und stereotyp denkender präsentiert, als er es tatsächlich ist. Und genau das passt zum stereotypen “Ami”, der mal eben wegen dem Öl [sic!] und dem Krieg und sowieso .. wir kennen alle das übliche Gerede. Der Unterschied zwischen “viele” und “die meisten” ist nicht groß, aber er ist vorhanden. Viel interessanter ist aber die Frage: Wieso die Falschübersetzung? Ein Übersetzungsfehler? Niemals! “Many of them” ist so eindeutig mit “viele von ihnen” zu übersetzen, dass an einen Fehler nicht zu denken ist (die korrekte Übersetzung für “die meisten von ihnen” wäre indes “most of them” gewesen) – die Falschübersetzung war also gewollt.
Ich rede hier nicht von konfusen Verschwörungstheorien. Ich glaube nicht, dass irgendein amerikafeindlicher Führungszirkel marginale Falschübersetzungen anweist. Ich glaube schlicht, dass sich die amerikafeindliche Mentalität in Deutschland eben auch durch gewollte Falschübersetzungen ausdrückt; “mal zeigen, wie die Amis wirklich sind!” oder “mal etwas drastischer formulieren, hat der blöde Ami bestimmt eh gedacht!”.

“Wer heilt, hat recht!” Völlig richtig, es handelt sich dabei sogar um den impliziten Grundsatz der sog. “evidenzbasierten”, der modernen, akademischen, westlichen Medizin. Wenn die Wirksamkeit und relative Unschädlichkeit einer Methode empirisch erwiesen ist, wird sie für gewöhnlich Eingang finden in die alltägliche Medizin. Ist eine Methode dagegen – ebenfalls empirisch erwiesen – wirkungslos, so handelt es sich um Scharlatanerie, die in der Medizin nichts verloren hat. Der Satz “Wer heilt, hat Recht!” wird kurioserweise oftmals von den Vertretern wirkungsloser Methoden, also von Scharlatanen, bemüht. Sie gehen davon aus, dass ihre Methoden deshalb nicht anerkannt werden, weil die angebliche Wirkung sich nicht erklären lässt. Dabei ist dies kein Kriterium dafür, ob eine Methode in die akademische Medizin Einzug hält, oder nicht – so ist der vollständige Wirkmechanismus von Paracetamol, einem im 19. Jahrhundert entdeckten Schmerzmittel, bis heute nicht bekannt. Der Grund, warum Scharlatanerie nicht anerkannt wird, ist so simpel wie einleuchtend: Sie ist unwirksam.

Im Gegensatz zur komplexen Erklärung des Wirkmechanismus (“Wie wirkt eine Methode?”), ist die Frage der Wirksamkeit (“Wirkt eine Methode überhaupt?”) relativ einfach zu beantworten: Eine mehr oder weniger umfangreiche Doppelblindstudie genügt, um zumindest zu erkennen, ob die fragwürdige Methode durchschlagenden Erfolg bringt, oder aber keine signifikante Wirkung vorliegt. Aber auch der angebliche Wirkmechanismus spielt in der Scharlatanerie eine große Rolle: Oftmals liegt einer unwirksamen Methode ein mehr oder weniger komplexes Theorienmodell zugrunde, anhand dessen die angebliche Wirkung ebenso angeblich zweifelsfrei erklärt wird. In vielen Fällen können diese “Theorien” (die diese Bezeichnung eigentlich nicht verdient haben) selbst von fachfremden Laien problemlos widerlegt werden, was aber die gutgläubigen Anhänger nicht hindert, weiterhin die angebliche Wirksamkeit und Überlegenheit ihrer Methode zu propagieren (und oftmals enorme Geldsummen daran zu verschwenden).

Nun leben wir glücklicherweise in einem freien Staat, und jeder kann glauben, woran er möchte. Allerdings ist die akademische Medizin eine Institution, die sicherstellt, dass ein hilfesuchender Laie dort nur mit wirksamen Methoden in Kontakt kommt. Das schließt nicht aus, dass auch in der akademischen Medizin Ärzte- und Therapiefehler vorkommen, dass Methoden sich als schädlich herausstellen etc., aber es garantiert, dass Fehler behoben und schädliche Methoden ersetzt werden. Gegen diese Institution wird allerdings seit längerer Zeit ein Krieg geführt, der den Augen der Öffentlichkeit bislang verborgen blieb: Unter dem Deckmantel “alternativer”, “sanfter” und “natürlicher” Medizin, metastasiert die Scharlatanerie, allen voran die Homöopathie, in die tiefsten Organe der akademischen Medizin. Homöopathie ist unwirksam, das ist ein mehrfach belegter Fakt. Die angebliche Wirkung wurde empirisch widerlegt, der angebliche Wirkmechanismus ist unhaltbar und entbehrt jeder Logik und Wissenschaftlichkeit. Dennoch findet die Homöopathie Einzug in die bundesweit festgelegte Approbationsordnung für die Apotheke. Und auch zahlreiche Ärzte bieten unwirksame Therapiemethoden und Medikamente an, nachdem ihnen diese im Studium unkritisch gelehrt wurden.

Diese Entwicklung scheint aber niemanden zu interessieren. Dabei handelt es sich um einen Angriff auf die Grundfesten der Wissenschaft! Wenn wissenschaftliche Prinzipien erst einmal in einem Bereich außer Kraft gesetzt sind, dann ist ein Einfallstor in den gesamten wissenschaftliche Apparat für krude, unwissenschaftliche Behauptungen aller Art geöffnet. Denn wer erst einmal Rang und Namen im wissenschaftlichen Diskurs erlangt hat, der hat damit auch Macht. Und wenn in der Wissenschaft die Scharlatanerie an Macht gewinnt, dann können die “alternativen”, “sanften” und “harmlosen” (und definitiv: unwirksamen) medizinischen Methoden mutieren in politische, totalitäre, menschenfeindliche Ideale.

Das klingt vielleicht allzu unglaublich, aber nehmen wir nur die Anthroposophie als Beispiel: Sie lehrt neben allerlei pädagogischen Methoden auch den Rassismus – der Weiße sei der überlegene Mensch. Sobald das strenge wissenschaftliche Regelwerk (Falsifizierbarkeit, Plausibilität und Relativität) von unnachprüfbaren, kruden und absoluten Dogmen unterwandert wird – und das ist in diesem Moment der Fall! – ist der Weg bereitet für alle Arten von Scharlatanen, Betrügern, Tyrannen, Hetzern und Fanatikern.

Der Text wurde angeregt durch zwei Blogartikel: [1], [2]